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Hinter der Linie

Maik Nolte | 19. August 2013 06:00 | Aufmacher,Stadtleben

Im Eck zwischen Theaterwall und Gaststraße soll gebaut werden. Und die Grenze zwischen der Bebauung, die stehenbleiben, und jener, die abgerissen werden soll, verläuft mitten durch ein Ladengeschäft – sehr zur Überraschung des Betreibers.

Grenzerfahrung: Raphael Wackrow auf der imaginären Linie, die seinen Laden zerschneidet. FOTO: mno

Grenzerfahrung: Raphael Wackrow auf der imaginären Linie, die seinen Laden zerschneidet. FOTO: mno

Nur wenige Bauvorhaben in Oldenburg erfahren so viel öffentliche Aufmerksamkeit wie die des Investors Lambert Lockmann in der Innenstadt. Die Eckpunkte der vom Unternehmer erworbenen Fläche gegenüber des Staatstheaters bilden ein besetztes Haus, auf der anderen Seite ein in beklagenswertem Zustand befindliches Gebäude, das sich bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt – und auch an einer dritten Stelle droht Streit: Lockmann hat am Donnerstag vor dem Bauausschuss des Rats seine Abrisspläne vorgestellt. Die Grenze zwischen Abriss- und Erhaltungsfläche verläuft demnach mitten durch das Ladengeschäft von Raphael Wackrow. „Das hat mich von den Füßen gerissen“, sagt der Kaufmann.

Auf einem Grundrissplan vom Gebäude Gaststraße 20a, das Wackrows Brautmodengeschäft beherbergt, hatte Lockmann eine grüne Linie gezeichnet: Ab hier beginnt die Bebauungsfläche. Im Laden zeigt Wackrow, wo diese gedachte Linie verläuft: zwischen ein paar Kleiderständern und einer Sitzecke; ein mannshoher Spiegel steht dort, wo in einigen Jahren dann vermutlich eine Wand stehen soll. Weit mehr als die Hälfte seiner Ladenfläche liegt hinter dieser Linie, von den Büros, Lagerräumen und sanitären Einrichtungen ganz zu schweigen. Moderne Wohnbebauung soll dort entstehen, inklusive Tiefgarage.

Die Situation ist verwickelt: Die Gebäude Gaststraße 20a und Theaterwall 20a sind im Lauf der Jahre gewissermaßen „zusammengewachsen“ und werden als zusammenhängendes Gebäude angesehen, sagte Baudezernentin Gabriele Nießen im Ausschuss. Nur steht dieses zusammenhängende Gebäude auf verschiedenen Grundstücken, und Wackrows Geschäftsfläche reicht über die Grenze bis weit in den hinteren Teil des Ensembles hinein. Es gibt verschiedene Mietverträge und wohl auch Nutzungs- und Duldungsverträge; das Ganze sei unübersichtlich und werde zurzeit geprüft, sagt Lockmann – im Übrigen, so äußerte er im Ausschuss, seien diese Rechtsfragen ohnehin weniger sein Problem als das des Vorbesitzers der Immobilien.

Der heißt Peter Thomas und sorgte zuletzt im Frühjahr für Schlagzeilen, als er das Dach des denkmalgeschützten Hauses am Theaterwall 24a – dem Haus Friedensbruch, das er ebenfalls an Lockmann verkaufte – entfernen ließ. Für einige Lagerräume, die Büros und Sanitäranlagen des Gebäudes in der Gaststraße hatte Thomas Wackrow zum Ende Oktober die Kündigung ausgesprochen. Im Falle der Lagerräume sei das für ihn kein Problem, sagt Wackrow, beim Rest schon, denn hier schlägt sich wieder der zusammengehörige Charakter des Gebäudes nieder: „Das hier sind mehr oder weniger Pappwände“, sagt der Inhaber und klopft auf eine dünne Zwischenwand. Dahinter solle, so habe Lockmann ihm zuvor gesagt, der Abriss beginnen. „Wie soll das gehen?“, fragt Wackrow: „Hier sollen Kunden stehen, und da” – er tritt ein paar Zentimeter zurück – “werden Abrissarbeiten durchgeführt?“

Dieser für den Ladenbetreiber ohnehin betrübliche Stand der Dinge sollte sich in dieser Woche noch verschärfen – durch den vorgelegten Grundriss mit dem grünen Bleistiftstrich, der die Abrissbagger nun noch ein paar Meter weiter in den Laden vorschiebt und es nicht mehr nur um Büro und Toiletten, sondern um das Geschäft an sich geht. Wackrow hat einen Mietvertrag bis 2019, den er auch zu erfüllen beabsichtigt und der nach Ansicht seines Anwalts auch für die Ladenfläche hinter der grünen Linie gelte. Dass Wackrow trotz des drohenden Ungemachs nicht einfach aus dem Gebäude herausgeht und sich eine andere Ladenfläche sucht, hat einen Grund: Die Räumlichkeiten hatte er selbst „kernsaniert“, als er das Geschäft 2010 eröffnete, nachdem er zuvor 17 Jahre in der Langen Straße ansässig war. „Neue Böden, neue Decken, neue Fenster“, sagt der Geschäftsführer, „jeder Zentimeter an Stromkabeln – alles auf eigene Kosten.“ An einigen Stellen ließ er das alte Backsteinmauerwerk sichtbar, was hübsch aussieht, aber auch eine aufwändige Versiegelungsbehandlung erfordert habe, um die Kleider zu schützen. “Das hat alles viel Geld gekostet.”

Natürlich könne er mit dem Geschäft notfalls umziehen, sagt der 53-Jährige, auch wenn er es „eigentlich nicht möchte“. Es gebe eine Ausweichmöglichkeit, sogar in derselben Straße. Im Falle eines Ortswechsels und der daraus folgenden Aufhebung des Mietvertrags aber pocht er darauf, seine Investitionen in das Gebäude erstattet zu bekommen. Die 50.000 Euro, die Thomas ihm als Abfindung geboten habe, reichten dafür bei weitem nicht aus: „Davon kann ich mir keine neue Existenz aufbauen.“ Lockmann wiederum äußert Zweifel daran, dass es Wackrow um die Existenz gehe; er vermutet, dass es vielmehr um die Höhe der Abfindung gehe.

Es hat durchaus Gespräche zwischen Wackrow und Lockmann gegeben; das jüngste habe allerdings einen „eher unerfreulichen Verlauf“ genommen, sagt der Ladenbetreiber. Lockmann selbst vermied im Bauausschuss jeden Blickkontakt mit dem ebenfalls anwesenden Wackrow, das Tischtuch scheint einigermaßen zerschnitten. Die Ausschussmitglieder kündigten an, sich noch mal ein Bild vor Ort machen zu wollen, nachdem Vertreter der CDU-Fraktion schon dort gewesen waren. Allerdings schränkte Ratsherr Alexander Wandscher (SPD) ein, dass es sich im Wesentlichen um eine privatrechtliche Frage handele, auf die die Politik nur wenig Einflussmöglichkeiten habe.

Dafür machte sich im Ausschuss eine gewisse Grundstimmung bemerkbar, nach der alle Beteiligten offensichtlich froh wären, das seit langem diskutierte Thema Theaterwall/Gaststraße endlich abhaken zu können. „Respekt“ zollte der Ausschussvorsitzende Sebastian Beer (Grüne) Lockmann dafür, „dass Sie das angehen“; außerdem gebühre ihm Dank dafür, dass sich dort “endlich etwas bewegt”. Schließlich habe sich der Vorbesitzer Thomas schon mehrfach als „schwieriger“ Verhandlungspartner erwiesen. Bereits vor zehn Jahren waren die GSG-Planungen in diesem Bereich wegen dessen Widerstand abgespeckt worden.

Ob er es nun wirklich “angehen” wird, bleibt indes die Frage: Lockmann selbst hat die fraglichen Immobilien zwar erworben, gilt aber noch nicht unumschränkt als Besitzer. Im Falle der Häuser am Theaterwall hänge die Erfüllung des Kaufvertrages vom Erfolg der Räumung des Haus Friedensbruchs ab, sagt der Investor – das Verfahren läuft derzeit. Das denkmalgeschützte Haus selbst soll nicht, wie vielfach befürchtet, abgerissen, sondern saniert werden; konkrete Vorstellungen für eine Nutzung gibt es aber nicht. Und im Falle der Gaststraße habe er das vertragliche Recht, vom Kauf zurückzutreten, sagt Lockmann: „Etwa wenn mir das alles zu lange dauert.“


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