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Dialog dringend erwünscht

Theo Müller | 24. Mai 2013 06:00 | Aufmacher,Stadtleben

Die evangelische und die katholische Hochschulgemeinde gehören zum festen Inventar der Universität Oldenburg. Seit 2012 haben auch muslimische Studierende ihre Hochschulgruppe. Jetzt organisierten die jungen Gläubigen ihre erste öffentliche Veranstaltung.

Es war ein selbstbewusster Wunsch: endlich ein eigener Gebetsraum in der Universität. Ein Anliegen, das viele der muslimischen Studierenden in Oldenburg einte, erinnert sich Kadri Damla, 30, der in Oldenburg Biologie und Chemie auf Lehramt studiert. Im Treppenhaus beten zu müssen sei ja schließlich “nicht so schön”. Nach einem gemeinsamen Fastenbrechen im vergangenen Sommer sei die Idee entstanden, sich in größerem Rahmen zu organisieren. Den Gebetsraum gibt es immer noch nicht, die Islamische Hochschulgruppe Oldenburg (IHO) dagegen ist erfolgreich gegründet. Die knapp 50 Mitglieder trafen sich bislang nur untereinander. Jetzt richten sie sich mit einer Veranstaltung im Bibliothekssaal der Uni erstmals an eine breitere Öffentlichkeit.

“Ich wundere mich, dass es immer noch Unis ohne islamische Hochschulgruppen gibt”, meint Ali Özgür Özdil, Islamwissenschaftler der Uni Hamburg mit türkischen Eltern. Nicht zufällig wurde er von den jungen Oldenburger Muslimen für diesen besonderen Abend als Gastredner eingeladen. Eine Generation früher gehörte er 1992 zu den Gründern der Hochschulgemeinde in Hamburg.

Ambitioniertes Programm

Der Oldenburger Nachwuchs der IHO von heute muss, zumal im akademischen Umfeld, eher schlichtes Unwissen von Kommilitonen als offene Ressentiments fürchten. Auch an diesem Mittwoch hält sich das Interesse nicht-muslimischer Studierender spürbar in Grenzen. Nur ein paar wenige blicken unsicher umher, als die Veranstaltung mit einer Koranrezitation (nebst anschließender deutscher Übersetzung) beginnt. Danach begrüßt Esma Karakuş,Vorsitzende der Hochschulgruppe, ihre Gäste. Der IHO sei an intensivem interkulturellen, aber auch interreligiösen Austausch gelegen. Dazu sollen in Zukunft Vorträge, Schüler-Informationstage und Dialogveranstaltungen dienen. Zugleich wolle man Muslime unterstützen, die neu an die Universität kommen, und einen Raum für islamische Feste und das Fastenbrechen schaffen.

Referent Özdil. FOTO: tm

Referent Özdil. FOTO: tm

Der Gast Özdil, der 2000 zu Möglichkeiten islamischer Theologie an westeuropäischen Universitäten promovierte, erscheint als passender Botschafter dieses ambitionierten Zukunftsprogramms. Der 44-Jährige schildert den Studierenden seine Eindrücke einer Gesellschaft, die unreflektiert Integration fordere, ohne immer klar zu benennen, was genau das bedeuten soll. Und er berichtet von Muslimen, die ihren Glaubensbrüdern vorwerfen, sich auf dem Status quo auszuruhen, sich und ihr “Anderssein” von einer fremden Gesellschaft geradezu assimilieren zu lassen.

Ausdrücklich grob überspitzt unterscheidet Özdil in seinem Vortrag drei Gruppen von Muslimen. Zum einen gebe jene Muslime, die ihren Glauben bewusst nicht nach außen tragen. “Ich kenne viele muslimische Lehrer, die sich bewusst nicht outen, um bloß nicht aufzufallen”, erzählt er. Eine zweite Gruppe sei diejenige der aktiven Muslime, die – wie die Oldenburger – ihr Recht auf das “Anderssein” einforderten und Gleichberechtigung im bestehenden Rahmen forderten, etwa durch den Bau von Moscheen und Teilhabe an gesellschaftlichen Institutionen. Eine viel kleinere, aber wortmächtige dritte Gruppe betone demgegenüber die Andersartigkeit soweit, dass sie letztlich nur das Kalifat nebst islamischer Gesetzgebung akzeptieren könne – sie werfe der ersten und zweiten Gruppe Angepasstheit vor: Sie praktizierten nur so viel Islam, wie der Staat gerade zulasse.

Befruchtung und Kreuzzüge

Dass diese Unterscheidungen holzschnittartig seien und kaum allen denkbaren Formen des praktizierten Islams in Europa gerecht werden könnten, schiebt Özdil sicherheitshalber gleich hinterher. Dass aber auch das Begriffspaar “die Anderen” und “wir” zu kurz greift, verdeutlicht der kulturhistorische Abriss, mit dem er im Anschluss einen “Europäischen Islam” zu definieren versucht. Orient und Okzident seien sich schon im Mittelalter viel näher gekommen als gemeinhin bekannt, in Kreuzzügen und Vertreibung ebenso wie im selbstverständlichen Miteinanderleben. “Kolumbus hatte bei der Entdeckung Amerikas arabische Navigatoren an Bord.” Die gegenseitige kulturelle, aber auch sprachliche Befruchtung wirke bis heute nach. “Mütze, Sofa, Mocca – alles arabische Wörter!” Sein Wunsch: Die heutige Generation ließe sich hiervon inspirieren und begreife, dass der Islam selbstverständlich Teil der kulturellen Wurzeln Europas sei.

Dass es Probleme mit der Integration gebe, beschönigt auch Özdil trotz allem Zweckoptimismus nicht. Er hat viele Anekdoten dazu auf Lager. “Mein Nachbar grüßt mich nie”, berichtet er schmunzelnd. “Aber wenn ich nicht grüße, bin ich ja genauso wie er!” Er begegne noch immer Lions-Club-Vorsitzenden, die ihm geständen, das erste Mal Kontakt zu einem echten Migranten zu haben. Geistliche Vertreter auf Podiumsdiskussionen hätten sich schon wortreich dafür entschuldigt, in Özdils Anwesenheit Deutsch zu sprechen. “Denken die, ich halte meinen Vortrag auf Türkisch?”

Die praxisnahe Konsequenz, die aus den Worten des Hochschullehrers spricht: Mit solchen und ähnlichen Situationen kann man auch im akademischen Umfeld umgehen. Konflikte mit unwissenden oder gar intoleranten Mitmenschen lassen sich auf intelligente Art und Weise lösen, ganz ohne dabei eigene Überzeugungen verleugnen zu müssen. Für die jungen Muslime an der Uni Oldenburg mag das eine hoffnungsfrohe Botschaft sein.

Weitere Informationen zur Islamischen Hochschulgruppe Oldenburg (IHO) unter https://www.facebook.com/Iholdenburg.


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