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Ganz persönliche Nachrichtensprecher

Maik Nolte | 17. Januar 2013 12:00 | Aufmacher,Stadtleben

Vor 25 Jahren erschien die erste Ausgabe der Oldenburger Hörzeitung – auf Kassette, die vom Hörer zurückgeschickt werden musste. Heute läuft vieles anders – aber nicht alles.

"Und nun zum Sport." Nein, eigentlich doch nicht. FOTO: mno

“Und nun zum Sport.” Nein, eigentlich doch nicht. FOTO: mno

Mittags, zwischen dem Einsprechen der Stadt- und der Umlandnachrichten, gibt es stets Kaffee, meistens auch Kekse – daran gibt es nichts zu rütteln bei den Machern der Oldenburger Hörzeitung. „Wir kriegen demnächst zwei Neue“, sagt Ulla Brake-Gerlach in die Runde. „Oh, prima“, schallt es zurück: „Auch Jüngere?“ Gelächter. Die Mitglieder der Gruppe sind im Durchschnitt 76 Jahre alt, bei ihren Abonnenten sieht es ähnlich aus.

Seit 25 Jahren bringen die rüstigen Redakteure Woche für Woche gesprochene Lokalnachrichten für Blinde und Menschen mit Sehbehinderungen. In einem katholischen Gemeindezentrum werden Meldungen und Geschichten aus der NWZ, die der Gruppe ein kostenloses Exemplar zur Verfügung stellt, sortiert, ausgeschnitten und in einem Werkraum, der als provisorisches Studio fungiert, eingesprochen. Immer noch besser als die Räumlichkeiten, in denen sie zuletzt untergekommen waren, sagen sie – da gingen die Fenster zur Straße hin, das war zu laut.

Martin Heuthe ist 85 Jahre alt und zählt zu den Mitbegründern der Truppe; damals, als die Nachrichten noch mit einem handelsüblichen tragbaren Kassettenrecorder aufgenommen wurden und die Kassetten, wollte man einen Abschnitt nach einem größeren Versprecher neu einlesen, noch hin- und hergespult werden mussten, „auf den Millimeter genau“, sagt Heuthe. Damals, als die Abonnenten die Tonbänder nach dem Hören stets an die Hörmedienzentrale in Holzminden zurückschicken mussten, um die nächste Ausgabe zu bekommen. Als noch niemand etwas von Laptops und Schnittprogrammen gehört hatte.

Erst 2007 wurde auf CDs umgestellt. Man habe aus Rücksicht auf die größtenteils ältere Hörerschaft lange mit der Einführung einer neuen Technik gewartet, sagt Brake-Gerlach – die Gewöhnung an neue Geräte falle vielen nicht leicht. Die Sprecher selbst arbeiten mittlerweile mit hochwertigen Mikrofonen, Mischpult und PC, bedient von Bettina Reineking, die mit 60 vermutlich zu den Küken der Truppe zählt und als eine von drei Mitarbeitern zuständig für die Technik ist. Die Zusendung der Hörzeitungen gehe ja auch online, meint sie, aber das wäre wohl ein zu großer Schritt.

Rund 35 solcher sich Lokalnachrichten widmenden Gruppen gibt es in Deutschland. „Vor ein paar Jahren waren es noch 40“, sagt Brake-Gerlach. Angesichts der Möglichkeiten, die neue Medien und vor allem das Internet bieten und mit denen jüngere sehbehinderte Menschen aufwachsen, scheint die gute alte Hörzeitung auf dem Rückzug zu sein – aber, und davon sind die Oldenburger überzeugt, kein Relikt aus vergangenen Zeiten. Denn die Hörzeitung könne mit einem sehr wichtigen Punkt aufwarten: Der persönlichen Bindung zwischen Sprechern und Hörern. Eine Nähe, die jene von einer Sprachsoftware roboterartig vorgetragenen Hörtexte, die manche Zeitungen auf ihren Online-Auftritten anbieten, nicht bieten: „Unseren Hörern sind die Stimmen der Sprecher vertraut, teilweise seit Jahrzehnten“, sagt Reineking. Zum Beispiel die von Heuthe, der 20 Jahre lang zu den Sprechern zählte und erst damit aufhörte, als die Kassetten ausgemustert wurden. Mit Computern habe er es nicht so, sagt Heuthe, er besitze auch keinen.

Heuthe war in seinem Beruf als Zusteller auf das im Entstehen befindliche Projekt gestoßen, er habe seinerzeit fast täglich mit dem Blindenverein zu tun gehabt, für den Ursula Schack arbeitete, die treibende Kraft bei der Gründung der Hörzeitung. In die kommen vor allem Berichte, die nach Ansicht der ehrenamtlichen Redakteure für sehbehinderte Menschen interessant sein könnten: Soziales, Gesundheitsthemen, Veranstaltungen – letztere mit dem Schwerpunkt auf Musik oder Lesungen. Sport gibt es so gut wie nie, außer vielleicht mal auf Wunsch; die Tagespolitik spielt auch eine eher untergeordnete Rolle. Dafür gebe es kaum Interesse bei den Hörern, heißt es. Es sind etwa 35 in und um Oldenburg, die vier Euro im Monat für ihr Abo zahlen. Für die Macher fallen davon 60 Cent ab, das reicht nicht einmal für den Mittagskaffee, aber darum geht es hier niemandem.

An diesem Donnerstag feiert die Gruppe ihr Jubiläum, am kommenden Dienstag sitzen sie dann wieder zusammen und sprechen die nächste Ausgabe ein, wie jeden Dienstag im letzten Vierteljahrhundert. Die Zahl der Abonnenten ist seit der Gründung ziemlich stabil, dennoch wird der Zuhörerschwund auch die Oldenburger irgendwann erreichen. Dennoch denkt hier niemand daran, eines Tages vielleicht aufgeben zu müssen, sagt Reineking. „Wenn man weiß, wie wichtig diese Zeitung Woche für Woche für die Hörer ist, dann stellt sich diese Frage nicht.“


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