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Sie wollen unser Geld, unsere Frauen und jetzt auch noch unsere Leasingverträge

Redaktion | 23. August 2012 06:33 | Blattkritik,Feuilleton,Kurz gesagt

Wenn wir schon die Rubrik “Kurz gesagt” haben, sollte es ja zwischendurch auch mal möglich sein, ein “Kurz gefragt” unterzubringen. In diesem Sinne hätten wir eine kurze Frage an den Autor dieses NWZ-Artikels über eine Gerichtsverhandlung: Wenn in einer vierteiligen Aufzählung dreimal dasselbe Adjektiv und einmal ein anderes benutzt wird, das aber das gleiche beschreiben soll, ist das stilistisch vielleicht nicht ganz glücklich, aber im wesentlichen Geschmackssache. Dass die Redaktion in der Verwendung eines politisch wahrlich nicht korrekten und deshalb in seriösen Medien eigentlich auch kaum mehr auftauchenden Wortes wie “getürkt” – als Synonym für “gefälscht” – keine Probleme sieht, wundert uns dagegen schon ein wenig, lassen wir aber einfach mal durchgehen. Ist heiß in diesen Tagen, da passiert sowas schon mal.

Aber warum dieses “getürkt” dann ausgerechnet bei einem Begriff wie “Meldebescheinigungen” Anwendung findet, das nicht eben selten mit Themen wie Ausländerpolitik und Bleiberechtsangelegenheiten konnotiert ist – das hätten wir wirklich gerne gewusst. Genauer gefragt: Ob die dadurch vermutlich beim einen oder anderen Leser hervorgerufene Assoziationskette “Meldeangelegenheiten -> Ausländer -> Türken -> bescheißen-doch-eh-alle” einfach nur unbedacht – oder vielleicht sogar bewusst in Kauf genommen worden ist.Nein, eigentlich wollen wir keine Absicht unterstellen. Vermutlich ist so etwas nur die Folge eines grundlegenden redaktionellen Klimas, das dazu führt, dass in Prozessberichten Wert darauf gelegt wird, auf das Herkunftsland der jeweiligen Angeklagten hinzuweisen, gerne auch angereichert mit dem Wörtchen “brutal”; und wenn kein Land bekannt ist, reicht auch schon mal die grobe Weltregion oder notfalls die Haarfarbe. Gut: Es findet in NWZ-Prozessartikeln auch Erwähnung, wenn mutmaßliche Straftäter aus Varel oder Bremen stammen – aber es ist nun nicht gerade ein Geheimnis, dass in solchen Fällen niemand mit der Faust auf den Stammtisch haut und fordert, alle Bremer zurück in ihr Bundesland zu verfrachten, gelle? Das ist – mal so ganz im Vertrauen von Redaktion zu Redaktion – auch der Grund, weshalb der Pressekodex den Verzicht auf solche Beschreibungen anmahnt.

Und wenn wir etwa von “klassischen Karnevalskostümen wie Indianer, Pirat, Ritter oder Zigeuner” (ja, ohne eigene Anführungszeichen) lesen müssen, von irgendwelchen “weiteren Farbigen”, die bei einem “Schwarzafrikaner” herumstehen, oder wenn in einem Artikel Algeriern eine besondere Geschicklichkeit beim Taschendiebstahl attestiert wird oder (das hat uns besonders beeindruckt) in einer Überschrift auf der Meinungsseite im Politikteil von einem “Asylanten-Ansturm vom Balkan” die Rede ist – dann wundert uns ein “getürkt” eigentlich auch nicht mehr wirklich.

Was sollen wir also lange fragen.

 

Nachtrag 26. August: Und um ganz ehrlich zu sein – so etwas wie das hier überrascht uns dann auch nicht mehr. Vermutlich ist die Dame NWZ-Stammleserin.


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