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Oops, they did it again

Redaktion | 2. Juli 2012 13:00 | Blattkritik,Feuilleton,Schnipsel

Vor einiger Zeit übten wir Kritik an der Berichterstattung der Nordwest-Zeitung im Falle des Mordes an einem elfjährigen Mädchen in Emden – in mehreren Artikeln hatte das Blatt über die Festnahme eines Verdächtigen berichtet, der sich hinterher als unschuldig erweisen sollte. Zwar wurde der Name des Mannes nicht genannt, aber so viele andere Informationen, dass es zumindest für dessen erweiterte Nachbarschaft kein Problem gewesen sein dürfte, ihn zu identifizieren. Heute dürfen wir frohgemut verkünden: Die NWZ hat den Fehler offenbar erkannt und aus ihm gelernt. Und liefert nun zu ihren Crime-Berichten nicht mehr bloß Straßennamen, sondern auch noch gleich Hausnummern dazu.

In Westerstede, 25 Kilometer westlich von Oldenburg, ist ein Mann niedergestochen worden und ins Koma gefallen, aus dem er mittlerweile glücklicherweise wieder erwacht ist. Sie möchten wissen, wer das wohl war? Kein allzu großes Problem, gucken Sie einfach aufs Klingelschild. Denn der online erschienene, mithin also weltweit nachlesbare NWZ-Artikel, den wir aus nachvollziehbaren Gründen nicht verlinken, sieht so aus:

Screenshot 27. Juni 2012

Screenshot 27. Juni 2012

Die von uns gepixelten Stellen nennen nacheinander den Straßennamen, die Hausnummer und das Alter des Opfers. Falls Sie nicht wissen, wie viele männliche Bewohner im genannten Alter dort wohnen, kein Problem – das lässt sich sicher herausfinden. Westerstede ist nicht so groß, man kennt sich dort. Und es passiert ja sonst nichts. Warum also nicht am kommenden Wochenende mit der ganzen Familie einen Abstecher zur genannten Adresse machen? Vielleicht sieht man ja was. Blut oder so. Oder, besser noch, jemanden, der da wohnt und bestimmt was damit zu tun hat. Gäbe aber auch ohne das ein schönes Gänsehautgefühl. Guck mal, Erna, dat is’ die Messerbude.

Und selbst wenn man keine Lust hat, sich persönlich zum Schauplatz zu begeben – wozu gibt es Google? Nach nicht einmal einer Minute haben wir einen Namen herausgefunden, der unter der angegebenen Adresse geführt wird, auf gleich mehreren dieser zahllosen Adressendatensammelsites im Internet. Ob die Angabe noch aktuell ist – wer weiß das schon. Muss man auch nicht wissen. Die Hauptsache ist: Man hat einen Namen, den man abends am Stammtisch in die Runde werfen kann, nach Belieben gefolgt von einem „Kam mir schon immer verdächtig vor.“

„Nun ja“, mag jetzt vielleicht der eine oder andere denken, „hier geht es ja nicht, wie in Emden, um unbewiesene Verdächtigungen, die einen unschuldigen Menschen in die Bredouille bringen können, wenn sie sich als falsch erweisen sollten – es handelt sich ja um das Opfer“. Mal ganz abgesehen davon, dass natürlich auch Opfer das Recht auf Schutz ihrer Privatsphäre haben, geht der Artikel in einer etwas längeren, ebenfalls online zu findenden Fassung aber noch weiter:

Auch hier haben wir die Straßennamen und die Altersangaben gepixelt. Hausnummern sind an dieser Stelle nicht genannt, was eine Identifizierung aber auch nicht gerade unmöglich macht. Es sei denn, es gibt in Westerstede mit seinen 22.000 Einwohnern zahllose Pärchen, auf die all diese Angaben zutreffen.

Wir stellen also fest: Das Blatt entwickelt sich konsequent weiter. Nur in welche Richtung? Vielleicht in diese hier:

Screenshot 27. Juni 2012

Screenshot 27. Juni 2012

… und bis wir uns so etwas auch in der heimischen Lokalzeitung zu Gemüte führen dürfen, lesen wir uns lieber noch mal ein paar Passagen der Ziffer 8 des Pressekodex’ des Deutschen Presserats durch:

Ziffer 8 – Persönlichkeitsrechte

Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten öffentliche Interessen, so kann es im Einzelfall in der Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob durch eine Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter verletzt werden. Die Presse achtet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

Richtlinie 8.1 – Nennung von Namen/Abbildungen
(1) Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (s. auch Ziffer 13 des Pressekodex) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. [...] Immer ist zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen. Sensationsbedürfnisse allein können ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht begründen.

[...]

Richtlinie 8.2 – Schutz des Aufenthaltsortes
Der private Wohnsitz sowie andere Orte der privaten Niederlassung, wie z. B. Krankenhaus-, Pflege-, Kur-, Haft- oder Rehabilitationsorte, genießen besonderen Schutz.

Aber man weiß ja, was der NWZ-Chefredakteur von diesem Gremium hält.

 

(Mit Dank an Vadim!)


URL zum Artikel: https://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/07/02/oops-they-did-it-again/

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