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Die Oldenburger Ananas, sie lebe hoch, hoch, hoch!

Felix Zimmermann | 26. Januar 2012 06:13 | Umzu

Wer Kokosmilch, Seetang und anderer exotischer Zutaten überdrüssig ist, sollte sich an die Steckrübe wagen. Sie ist viel mehr als nur ein Gericht aus schlechten Zeiten. Ein Lobpreis

Ja, Moooin! Oldenburger Ananas, gesehen auf dem Münchner Viktualienmarkt. FOTO: Arne Ibbeken

Ja, Moooin! Oldenburger Ananas, gesehen auf dem Münchner Viktualienmarkt. FOTO: Arne Ibbeken

Oldenburger, geht zum Markt und holt Euch Steckrüben! Kugelige Geschöpfe, ordentliche Brocken, Boßelkugeln ähnlich sind sie, changieren von Elfenbein-Weiß bis zu zartem Alt-Rosé, haben aber immer noch ein schlechtes Image. Einige unserer Eltern- und Großeltern kucken, lädt man sie zum Essen, verwundert bis angewidert, wenn in der Menufolge ihr Name fällt.

Steckrübe. Nee, danke, ich hab’ gar nicht so’n großen Hunger.

Die schlechten Zeiten, wir hatten ja nüscht, ‘s ist Krieg. Die ganz Alten – tatsächlich aber kaum noch jemand – erinnern sich an den Steckrübenwinter, 1916/17, als die Kartoffelernte schlecht war und die Steckrübe als Ersatz gezogen wurde. So unbeliebt soll sie gewesen sein, dass die Vorräte tonnenweise liegen blieben. Später, im Zweiten Weltkrieg und den erneuten “Hungerwintern” unmittelbar danach, dasselbe: Steckrüben morgens, mittags, abends. Wer so Karriere macht, muss es schwer haben. Dabei half das Gemüse, das mit vollem Namen Brassica napus subsp. rapifera heißt, damals einem Volk in Not, kleingeraspelt und getrocknet ließ sie sich sogar zu Pulver mahlen und so zu einer Art, na ja, Kaffee verarbeiten. Ließ sich in Scheiben schneiden und gekocht und gebraten als Schnitzel servieren, diente als Verlängerung von Kompott, weil sie die Eigenart hat, sich jedem Geschmack anzupassen, sich unterzuordnen, um den Hungernden ganz bescheiden und im Hintergrund den Magen zu füllen.

Gedankt hat man es ihr lange nicht, im Wirtschaftswunderdeutschland wurde die Steckrübe beiseite gerollt, wieder mehr den Schweinen vorgeworfen als mittags auf den Tisch zu kommen, in welcher Form auch immer.

Dabei ist sie so vielfältig – und liegt dank ihrer zumeist regionalen Herkunft voll im Trend einer Küche, die Kokosmilch, Seetang und Ingwer so langsam aussortiert. Zu exotisch. Wer heute auf sich hält, blättert nicht nur in Omas Kochbuch, sondern kocht die Rezepte, die er unter unzähligen Teigspritzern und Fettflecken – und dann auch noch in Sütterlin! – entziffern kann, und fühlt sich gut dabei, wenn im Topf die heimische Ernte zum Mahl wird. Wobei: Ob da in der Kochrezeptesammlung Steckrübengerichte auftauchen? Eher nicht, so als Arme-Leute-Essen zwischen all den Köstlichkeiten. Die Steckrübe, das hässliche Entlein des Gemüses.

Ein mittlerweile in München lebender Oldenburger hat uns dankenswerterweise obiges Foto zur Verfügung gestellt, das den unzweifelhaften Beweis dafür liefert, dass selbst im tiefsten Bayern die Steckrübe zwar auch diverse andere lustige Namen trägt (“Dotschn”, Wrucken”), dort aber eben auch als “Oldenburger Ananas” verkauft wird. Diesen Namen trägt sie der glaubhaften Überlieferung zufolge, um sie damals lockender, schöner, interessanter zu machen, sie also in den schlechten Zeiten quasi anzupreisen. Ein Marketingtrick mit ernstem Hintergrund, heute lächeln wir darüber.

Aber, zurück zum Münchner Viktualienmarkt, wo das Foto entstand: Das hat der Grünkohl nicht geschafft, selbst die penetrantesten Bemühungen hiesiger Tourismuswerber haben nicht dazu geführt, dass er außerhalb des alten Großherzogtums als “Oldenburger Palme” verkauft oder gar gegessen wird. Schon gar nicht auf einem der feinsten und teuersten Märkte des Landes. Nur hartnäckig heimattreue Exil-Oldenburger lassen sich Grünkohl-Pakete in die Ferne schicken. Müssen sie mit der Steckrübe nicht machen, die wächst dort sogar. 1:0 für die Oldenburger Ananas!

Kalorienarm ist sie, wegen diverser Inhaltsstoffe gesund, verändert ihre Farbe im kochenden Wasser von weißlich bis zu einem warmen Orangeton. Man wird sie, hat man sie von der derben Schale und ihrem schlechten Ruf befreit, ins Herz schließen. Als wunderbares Wintergemüse, deftig, fruchtig, die Alternative auch zum ewigen Grünkohl.

Und was wäre ein Artikel über die Steckrübe ohne Rezeptvorschläge? Wie eine ambitionierte Küche ohne Oldenburger Ananas.

Einige Anregungen:

• Steckrübe schälen und längs in schmale Scheiben schneiden. Im Topf mit Butter und Honig karamellisieren, in Orangensaft eine gute halbe Stunde köcheln, mit gehacktem Rosmarin und etwas geraspeltem Ingwer – den man ja, siehe oben, noch irgendwo rumliegen hat – bestreuen. Köstlich! Mit Dank ans SZ-Magazin für den Rezepttipp, der hat als Vorspeise eine größere Tischgesellschaft erfreut.

• Kartoffeln und Steckrüben schälen und in Stifte schneiden, weich kochen und mit Salz, Muskatnuss, Butter und Milch zu Brei stampfen. Einfach und zugleich eine sehr leckere Erinnerung an die Steckrübe in ihrer Rolle als Arme-Leute-Essen.

• Als Eintopf mit Kartoffeln, dazu Kochwurst und – oder auch nur – gebräunte Zwiebeln. Einfach und gut.

Guten Appetit!

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Einen herzlichen Dank an Arne Ibbeken dafür, dass er mit offenen Augen durch München geht, Oldenburg nicht vergessen und auf den Auslöser gedrückt hat, bevor die letzte Oldenburger Ananas verkauft war!


URL zum Artikel: https://www.oldenburger-lokalteil.de/2012/01/26/die-oldenburger-ananas-sie-lebe-hoch-hoch-hoch/

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