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| 17. September 2013 06:00 | Kommentare deaktiviert für Filmfest-Blues
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Mit der Verleihung der German Independence Awards ging am vergangenen Sonntagabend das 20. Filmfest Oldenburg zu Ende. Es bleiben: ein ordentlicher Filmfest-Blues und Kinotipps für die nahe Zukunft. Zum Abschluss wird sogar geweint.

Hat nicht gewonnen, ist trotzdem toll: „Die Frau hinter der Wand“ von Grzegorz Muskala. FOTO: Filmfest Oldenburg

Hat nicht gewonnen, ist trotzdem toll: „Die Frau hinter der Wand“ von Grzegorz Muskala. FOTO: Filmfest Oldenburg

Vier Tage im Kino gehen schnell vorbei, so viel steht fest. Das gilt jedenfalls dann, wenn ein Festival ein so spannendes, bereicherndes Programm zu bieten hat wie das 20. Filmfest Oldenburg, bei dem man sich bestens einen Eindruck von den vielen Facetten unabhängiger Filmkunst verschaffen konnte. Da kommt am Ende ein wenig Wehmut auf.

Die Zeit sei wie im Flug vergangen, sagt auch Torsten Neumann bei der „Closing Night Gala“ am Sonntagabend im Staatstheater. Und er fügt hinzu, dass die Spielstätten des Festivals in diesem Jahr besonders gut besucht waren. Die Jubiläumsauflage vom Filmfest Oldenburg war also ebenfalls ein großer Publikumserfolg.

Eben jenes Publikum durfte auch über den Gewinner des German Independence Awards aus der Reihe der internationalen Beiträge entscheiden. Der französische Film „Our Heroes Died Tonight“ machte hier das Rennen. Ganz allein eine Entscheidung der Jury war hingegen die Verleihung des Preises für den „Besten Deutschen Film“. Der Gewinner ist schließlich „Käptn Oskar“ von und mit Tom Lass. Zudem wird Martina Schöne-Radunski für ihren Auftritt als Ex-Freundin im selbigen Film mit dem Seymour Cassel Award ausgezeichnet, dem Preis für die beste schauspielerische Leistung in Haupt- oder Nebenrolle.

An dieser Stelle eine persönliche Anmerkung: Es ist natürlich zum Grün-und-blau-Ärgern, dass ich bei all den vielen Filmen, die ich sah, nun ausgerechnet „Käptn Oskar“ verpasst habe. Andererseits gibt mir das die Chance, noch einmal herauszustellen, wie großartig die deutsche Independent-Reihe war, ohne die anderen Filme gegen den Gewinner ausspielen zu können. Auch Tom Lass betonte bei der Überreichung des mit 4.000 Euro dotierten Preises, wie unfair es sei, aus einer Reihe von Filmen einen als den besten hervorzuheben. Er sei dennoch dankbar, denn: „I need the cash.“

„Die Erfindung der Liebe“ (hier) und „Staudamm“ (hier) hatte ich bereits besprochen. Sehenswert war auch „Love Steaks“ von Jacob Lass, dem Bruder von Tom Lass. Die leicht verrückte Liebesgeschichte zwischen dem schüchternen Clemens (Franz Rogowski) und der aufgedrehten Lara (Lana Cooper) kann neben seiner schönen Figurenkonstellation mit einer semi-dokumentarischen Situationskomik und einem ansteckend gut aufgelegten Ensemble an Laiendarsteller/innen aufwarten.

Letztlich aber das Highlight am Samstag und Sonntag – nicht nur unter den deutschen Filmen – war „Die Frau hinter der Wand“ von Grzegorz Muskala. Erzählt wird die Geschichte von Martin (Vincent Redetzki), der zum Studium nach Berlin gekommen ist. Eher durch Zufall bekommt er noch eine Wohnung, wenn auch eine ziemlich schäbige. Was bis dahin wie eine vergnügt überhöhte Satire über die Berliner Wohnungsmarktsituation aussieht, entwickelt sich recht schnell zum erotisch aufgeladenen Horrorthriller. Was hat es mit der mysteriösen Vermieterin, jener Frau hinter der Wand, auf sich? Und was ist mit Martins Vormieter, Robert, geschehen?

Muskala zückt in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm diverse Genre-Register, reihenweise gibt es Reminiszenzen – etwa an Hitchcocks „Psycho“ und „Das Fenster zum Hof“, aber auch David Lynchs „Blue Velvet“ lässt sich wiederkennen. Doch während Muskala die halbe Horrorgenre-Geschichte mitschwingen lässt, verliert er sich nie im bloßen Zitate-Puzzle, vielmehr besticht seine Inszenierung durch ihre eigene formale Stimmigkeit. Einfach alles sitzt an diesem Film: Vom Szenen- und Kostümbild bis zur detailverliebten Licht- und Tongestaltung ist es ein reines Kinovergnügen. Abgerundet wird Muskalas Hochschulabschlussfilm mit einem schrulligen Cameo-Auftritt von Robert Stadlober als Vormieter Robert. Leider gibt es noch keinen offiziellen Kinostarttermin. Genre-Liebhaber/innen sollten sich den Film trotzdem schon mal vormerken.

Die einzige echte Enttäuschung des Filmfests war der äußerst schablonenhafte Thriller „The List“, ein britischer Film vom deutschen Regisseur Klaus Hüttmann. Dafür versöhnt uns ganz am Ende Gary Tarns „The Prophet“ wieder mit dem britischen Kino. Tarns Verfilmung des Kultbuches „Der Prophet“ von Khalil Gibran hatte im Rahmen der „Closing Night Gala“ seine Deutschlandpremiere und ist der Abschlussfilm des Festivals. Es geht, kurz gesagt, um: alles. Sämtliche Grundfragen der Menschheit – von Liebe, Freundschaft, Freiheit oder Arbeit – werden angesprochen. Die Schauspielerin Thandie Newton liest Gibrans wunderschön geschriebenen Text mit einer unglaublich erhabenen Ruhe über Voice Over vor, während Gary Tarn dazu ein Kaleidoskop aus Bildern aus der ganzen Welt sich entspinnen lässt. Hat man sich auf den essayhaften Stil des Films eingelassen, ist die Wirkung schlagend: Beinahe meditativ ist der Film, versetzt einen – ohne falsche Esoterik – in tiefe Nachdenklichkeit.

Da ist es schwierig, gleich im Anschluss an den Film in eine Diskussion mit dem Regisseur zu kommen. Tatsächlich herrscht zunächst Zurückhaltung im Publikum. Gary Tarn schlägt vor, dann könne man ja jetzt etwas trinken gehen. Doch dann steht eine Frau auf, mit Tränen in den Augen, und sagt, sie habe etwa eine Stunde gebraucht, um sich in den Film hineinzufühlen. Danach, weil sie ihn so schön fand, habe sie für den Rest der Zeit nur noch geweint.

Zum Schluss des Filmfests also ein paar Tränen der Rührung. Aber nicht nur deshalb ist „The Prophet“ ein passender Abschlussfilm. Solche Off-Mainstream-Werke haben im regulären Kinobetrieb kaum eine Chance. Umso schöner ist es, dass sich Torsten Neumann und sein Team für diesen Film entschieden haben. So wird auch bei der abschließenden Vorstellung noch einmal klar, welche kulturpolitische Relevanz einem Filmfest wie jenem in Oldenburg zukommt. Es lädt ein zu einem Kino jenseits des Konventionellen, bietet auch der Filmkunst abseits vom Mainstream eine größere Bühne.

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