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| 15. September 2013 08:00 | Kommentare deaktiviert für 20. Filmfest Oldenburg: Filmfieberfortsetzung
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Für drei Filme durch Oldenburg: Von der Exerzierhalle („Bwakaw“) über die Alte Fleiwa („From Tehran to London“) zum Staatstheater („The Dirties“). Der Festivalfreitag bleibt kontrastreich. Am Ende gibt es wieder einen Amoklauf.

Eine weitere Filmreflexion über einen Amoklauf: „The Dirties“ aus Kanada. FOTO: Filmfest Oldenburg

Eine weitere Filmreflexion über einen Amoklauf: „The Dirties“ aus Kanada. FOTO: Filmfest Oldenburg

„Bwakaw“

16.30 Uhr, Exerzierhalle: Der Filmfesttag beginnt entspannt, fast kontemplativ. Im philippinischen Film „Bwakaw“ von Jun Robles Lana geht es um einen alten Mann, der im Grunde genommen nur noch auf den Tod wartet, regelmäßig eine Liste darüber erweitert, wem er was vererben will, und schon mal übt, wie man im Sarg ‚eine gute Figur macht‘. Rene ist allerdings, weil er schon abgeschlossen zu haben scheint, ein sehr grantiger, zuweilen auch verletzender Mensch. Immerhin, im Alter von 60 hatte er sich eingestehen können, dass er schwul ist. Aber er bezeichnet sich als einen „feigen Schwulen“, trifft keine anderen Männer.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse in diesem stillen, unaufgeregten Film. Eine Kollegin von Rene stirbt, nur kurz darauf – der größere Schock für ihn – wird sein Hund Bwakaw todkrank. Zeitgleich verliebt sich Rene in einen Taxifahrer, der aber noch nicht ahnt, wie weit Renes Sympathie für ihn tatsächlich geht…

Das Ereignis des Films ist Hauptdarsteller Eddie Garcia, der seiner Figur eine zutiefst menschliche Würde verleiht. Ohne Kitsch und Pathos spielt er den verbitterten Mann, der noch einmal realisiert, was er an seinem Leben hat. Regisseur Jun Robles Lana flankiert ihn mit Bildern in warmen, erdigen Farben und erzählt diese Geschichte mit anrührender Nachdenklichkeit – aber auch mit einer guten Portion Galgenhumor.

„From Tehran to London“

19 Uhr, Alte Fleiwa: Die philippinische Nachdenklichkeit verfliegt schnell, denn im Anschluss an „Bwakaw“ findet einige Hundert Meter weiter in der Alten Fleiwa die Filmfest-Gala statt. Kurz und knapp wird die diesjährige Jury vorgestellt, daraufhin erhalten Bobcat Goldthwait (der in diesem Jahr auch Jury-Präsident ist) und Mania Akbari den German Independence Honorary Award. Die iranische Künstlerin und Regisseurin Mania Akbari konnte, wie bereits berichtet, ihr Londoner Exil nicht verlassen, um selbst anwesend zu sein, stattdessen kam ihr Sohn. Torsten Neumann bringt denn auch den naheliegenden Kalauer: „From Tehran to London was possible, but from London to Oldenburg was not.“

Damit Überleitung zum eigentlichen Höhepunkt des Slots: Mit dem nur zur Hälfte fertiggedrehten Ehedrama „From Tehran to London“ wird offiziell die Retrospektive zum Filmschaffen von Mania Akbari eröffnet. Der Film liest gleichsam die Scherben einer Ehe auf, während diese noch zerbricht, sucht zusammen mit Ava (Neda Amiri) und Ashkan (Bijan Daneshmand) nach den Bruchstellen ihrer Liebe. Einst müssen sie sehr glücklich gewesen. Jetzt schreien sie sich nur noch an. Dass sie Lyrik veröffentlicht, eine freie, künstlerisch aktive Frau war, habe er früher an ihr geliebt, schreit sie. Dass sie doch aber freiwillig, für ihn, die Rolle der Hausfrau angenommen habe, schreit er zurück.

Akbaris Inszenierung ist minimalistisch, voller Symbolik und effektvoll: Der Film spielt sich komplett im Haus des Ehepaars ab, in nur wenigen Räumen. Wie Gefangene wirken die Beiden, vor allem Ava, deren Perspektive der Film stärker einnimmt. Nach 45 Minuten ist „From Tehran to London“ vorbei. Erst jetzt gibt es Außenaufnahmen von der schönen, das Haus umgebenden Landschaft. Dazu spricht nun Mania Akbari selbst aus dem Off, erzählt in wenigen Sätzen die Geschichte zuende. Dass Ashkan längst eine Affäre mit dem Hausmädchen begonnen hatte, erfahren wir hier etwa. Dann wird Akbari persönlicher. Sie erklärt, dass es für das Filmteam im Iran zu gefährlich wurde und sie den Film deshalb in London beenden musste. Sie erzählt auch, dass sie im Iran nicht länger ihren künstlerischen Visionen nachgehen konnte und widmet ihren Film allen Filmemacher/innen, die in Gefangenschaft waren oder noch immer sind.

Spätestens mit diesem Voice Over stellt Akbari auch die vorangegangene Ehegeschichte noch einmal nachdrücklich in einen gesellschaftspolitischen Kontext, in dem Repressalien vor allem gegenüber Frauen bestimmend sind.

„The Dirties“

21.30 Uhr, Staatstheater Spielraum: Nach „From Tehran to London“ geht es weiter zum Staatstheater, und zwar in dessen Keller, wo sich der kleine, etwas klaustrophobisch anmutende Spielraum befindet. Für den dort gezeigten „The Dirties“ ist das der perfekte Ort. Der kanadische Film gehört mit Sicherheit zu den originellsten und verstörendsten Filmen des Festivals. Nach „Staudamm“ (siehe Bericht vom Samstag) ist es auch der zweite Film, der sich mit dem Phänomen Amoklauf auseinandersetzt. Die Herangehensweise ist hier allerdings wieder eine ganz andere.

Matt Johnson hat zusammen mit einer Gruppe von Freunden „The Dirties“ als einen Found-Footage-Film gedreht. Im Mittelpunkt stehen die beiden Film-Geeks Matt (Matt Johnson) und Owen (Owen Williams), die eine mit zahllosen Filmzitaten gespickte Doku über Mobbing an ihrer Schule drehen. Sie haben sich jeweils mit kleinen Mikros am Körper ausgestattet und lassen sich von mindestens zwei weiteren Freunden (die wir nie zu Gesicht bekommen) bei ihrem Schulalltag filmen. Auch die Schikanen von anderen Schülern, denen die Beiden ausgesetzt sind, sind in den Aufnahmen enthalten. Mit ihrem Film wollen sie Rache nehmen an den Mobbern, den „Dirties“. Zunehmend aber spricht Matt vom Plan eines tatsächlichen Amoklaufs, den er zum Finale des Films machen will.

Bis zum Schluss bleibt auch für uns als Publikum unklar, inwiefern für Matt die Grenzen zwischen fiktionaler Imagination und wirklichem Plan schon verschwommen sind. Der Clou von „The Dirties“ ist selbstverständlich, dass wir nichts anderes zu sehen bekommen als das Material, das Matt mit seinen Freunden gedreht hat. Es gibt also keine ‚neutrale‘ oder ‚auktoriale‘ Perspektive. Damit erreicht der Film eine sehr intensive Direktheit, zugleich öffnet er über die Fiktion der Found-Footage-Doku den Raum für reflexive Distanz zum Thema Amoklauf.

 

„The Dirties“ läuft ein zweites Mal am Sonntag, 15.9., um 14.30 Uhr in der Exerzierhalle.

(Der nächste Filmfestbericht erscheint am Montag mit einer Zusammenfassung der Höhepunkte von Samstag und Sonntag, inklusive der Preisverleihung.)

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