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| 14. September 2013 06:00 | Kommentare deaktiviert für 20. Filmfest Oldenburg: Der Filmmarathon hat begonnen
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In drei Filmen um die Welt: Von Griechenland („Boy Eating the Bird’s Food“) über Australien („Tage am Strand“) zurück nach Deutschland („Staudamm“). Am ersten regulären Filmfesttag prallen Lebenswelten aufeinander. Ein erstes Highlight ist auch schon dabei.

Ein erstes Highlight: "Staudamm" von Thomas Sieben. FOTO: Filmfest Oldenburg

Ein erstes Highlight: “Staudamm” von Thomas Sieben. FOTO: Filmfest Oldenburg

Boy Eating the Bird’s Food

Jede Gesellschaft bekomme die Revolutionen, die sie verdient, sagte Michail Bakunin einmal. Genau so verhält es sich auch mit Filmen. Wenn nun der griechische Film „Boy Eating the Bird’s Food“, das Porträt eines Armutsalltags in Athen, auf einem deutschen Filmfest läuft, lässt er sich fast zwangsläufig als bitterböse Abrechnung mit der repressiven Austeritätspolitik der Bundesregierung verstehen.

Wohlgemerkt, das Debut von Ektoras Lygizos ist alles andere als ein Parolenfilm. Vielmehr verfolgt der Regisseur seine Hauptfigur, den etwa 20jährigen Yorgos (Yannis Papadopoulos), ohne eine Andeutung von Sentimentalität und Pathos durch dessen Alltag, der vollständig von Geldnot und Hunger dominiert wird. Seinem Kanarienvogel isst Yorgos hin und wieder das Futter weg. Eine Masturbationsszene endet damit, dass er sein eigenes Ejakulat verspeist.

Die Kamera ist stets – nah oder halbnah – an Yorgos geheftet. Es gibt kaum Totalen, kaum Dialog. Dadurch wird Yorgos’ beklemmende Lebenssituation fast physisch spürbar; die Ausweglosigkeit aus der sozialen Isolation findet eine direkte Vermittlung über die Erzählform.

 „Tage am Strand“

Von Griechenland geht es zur Ostküste Australiens: Anderer Kontinent, anderes Milieu, andere Filmsprache. Der australische Film „Tage am Strand“ (Originaltitel: „Adore“) von Anne Fontaine erzählt in schönen Bildern und einlullender Filmmusik von zwei besten Freundinnen (Naomi Watts und Robin Wright), die mit dem Sohn der jeweils Anderen eine Affäre beginnen. Die Söhne sind übrigens ihrerseits beste Freunde. Wir sehen, mal dramatisch aufgeladen, mal nonchalant dahinerzählt: perfekte Körper vor Postkartenkulisse, dazu gibt es Dialoge wie aus einem Groschenroman (es ist aber hinzuzufügen, dass der Film leider nur in der Synchronisation lief).

All das wirkt wie ein schlechter Witz, und tatsächlich ließe sich der Film durchaus ironisch verstehen. Was vordergründig als belanglose Schmonzette daherkommt, kodiert im Subtext einerseits eine lesbische Liebesgeschichte, worauf der Film auch per Dialog mehrmals anspielt, und erzählt andererseits vom Ausleben ödipaler Begierden – sicher, es ist immer der Sohn der jeweils anderen Frau, und doch ist die Grundkonstellation ja mehr als überdeutlich.

 „Staudamm“

Zurück nach Deutschland: Das Highlight am Donnerstag ist schließlich  „Staudamm“ von Thomas Sieben. Es ist ein Film über einen fiktiven Amoklauf an einer Schule im bayrischen Bergland, der unter anderem auf Protokollen aus Erfurt basiert. Doch diesem Amoklauf nähert sich Siebens zweite Regiearbeit nicht direkt, sondern aus einer klug konstruierten Retrospektive.

Die eigentliche Handlung erzählt von Roman (Friedrich Mücke), der lustlos tagein, tagaus Akten einliest für einen Staatsanwalt. Letzterer arbeitet an einem Gutachten über einen Amoklauf und schickt schließlich Roman in das Dorf, an dessen Schule sich die Tragödie ereignet hatte, da sich dort noch fehlende Akten befinden. Aus der geplanten einmaligen Übernachtung wird ein etwas längerer Aufenthalt, weil – Auftritt deutsche Bürokratie – die Unterschrift eines Hauptkommissars noch auf sich warten lässt. Währenddessen lernt Roman die ehemalige Schülerin Laura (Liv Lisa Fires) kennen, die den Amoklauf miterlebt hat und den Täter kannte. Bald schon wird aus Romans arbeitsbedingtes Interesse eine persönliche Faszination für den verstorbenen Amokläufer und dessen Taten.

Beim Publikumsgespräch im Anschluss an den Film erklärte Thomas Sieben, er wollte einen für ihn längst überfälligen deutschen Film über das Phänomen Amoklauf drehen, das es in dieser Form und Häufigkeit nur in den USA und Deutschland gibt. Als filmischen Referenzpunkt aus Amerika nennt er Gus Van Sants „Elephant“ (2003). Siebens Herangehensweise an das Thema ist allerdings noch geschickter als die von Van Sant, schon weil er ohne dessen klimaktisch eingesetzte Gewaltdarstellungen auskommt.

Stattdessen rekonstruiert Siebens Film den Amoklauf über die Berichte von Augenzeugen und Angehörigen aus den Protokollen, die Roman einliest, und über die Erinnerungen von Laura, mit der er zunehmend mehr Zeit verbringt. Auch aus dem Tagebuch des Täters liest Roman vor – nun ausschließlich aus dem Off, womit die Grenze zwischen Täter und Spurensucher schon andeutungsweise verschwunden ist.

Schließlich brechen Roman und Laura eines Nachts in die Schule ein, und während sie durch die dunklen, gespenstisch leeren Flure streifen, beginnt Roman ganz unvermittelt, den Täter zu imitieren, hält pantomimisch ein Gewehr in der Hand, reißt in der Pose des Amokläufers die Türen der Räume auf. In diesem grandios inszenierten Moment schlägt „Staudamm“ fast in einen Horrorfilm um, ohne dabei die kühle Distanz zu verlieren.

Die Szene ist paradigmatisch für den Film: Thomas Sieben ist eine Art indirektes, perspektivisch gebrochenes Reenactment gelungen, distanziert und emphatisch zugleich. Seine filmische Amoklaufspurensuche ist wiederum eingebettet in eine fast archaische Erzählung vom Fremden in feindseliger, aber pittoresker Provinz.

Mit seinem ersten Film, „Distanz“, hatte Thomas Sieben auf dem Filmfest Oldenburg 2009 den German Independence Award für den besten deutschen Film gewonnen. Auch „Staudamm“ konkurriert dieses Jahr neben vier weiteren Filmen wieder um den Preis.

„Tage am Strand“ läuft nochmals am Sonntag, 15.9., um 19 Uhr im Casablanca. Offizieller Kinostart des Films ist der 7. November.

„Staudamm“ läuft ein zweites Mal am Samstag, 14.9., um 16.30 Uhr in der JVA.

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