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| 12. September 2013 16:21 | 1 Kommentar
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…just a little bit longer“: Gestern wurde also das 20. Internationale Filmfest Oldenburg eröffnet. Bis zum kommenden Sonntag bereitet Oldenburg nun wieder unabhängiger Filmkunst aus Deutschland und aller Welt eine Bühne. Der Lokalteil wird täglich von der Jubiläumsauflage des Filmfests berichten.

Maria Kwiatkowsky ist während der Dreharbeiten von "Die Erfindung der Liebe" gestorben

Maria Kwiatkowsky ist während der Dreharbeiten von “Die Erfindung der Liebe” gestorben. FOTO: Filmfest Oldenburg

Mit der Film-im-Film-Beziehungsdramödie „Die Erfindung der Liebe“ hat am gestrigen Abend das Oldenburger Filmfest begonnen und feiert in diesem Jahr seine 20. Auflage. Zwischenzeitlich sah es nicht so aus, als würde das noch geschehen. Im Zuge der Querelen um die finanziellen Kürzungen durch die rot-grüne Mehrheit im Stadtrat drohte Filmfestleiter Torsten Neumann gar damit, Oldenburg mitsamt dem Festival zu verlassen.

Er ist geblieben. „Oh won’t you stay, just a little bit longer“ tönt es anspielungsreich aus der Jukebox im diesjährigen Festivaltrailer. An den Glücksgriff, im vergangenen Jahr „Oh Boy“ als Eröffnungsfilm zu wählen und mit dem German Independence Award auszuzeichnen, lange bevor es für den Film sechs Lolas gab und aktuell die Nominierungsauswahl für den Europäischen Filmpreis, wurde mittlerweile oft genug erinnert. Heute wird zudem der Schauspieler Seymour Cassel mit dem offiziellen Siegel der Stadt Oldenburg ausgezeichnet – für seinen „unermüdlichen Einsatz für die kulturelle Bedeutung der Stadt“, so die Pressemitteilung. Stellvertretend bekommen so auch Torsten Neumann und das Filmfest vonseiten der Stadt nochmals Anerkennung zugesprochen.

Sicher, die ewige „Hauch von Hollywood“-Euphorie von Politik und Mainstream-Medien mag zuweilen nervtötend sein. Warum muss sich, wenn es um Filme geht, immer alles am Glamour-Fetisch von Hollywood orientieren? Auch bei der gestrigen Eröffnung im Staatstheater blieb das nicht aus – obwohl es für ein Jubiläum dann doch überraschend zurückhaltend zuging.

Ebenso ist es aber kulturpolitisch verantwortungslos zu glauben, Filmkunst könne ganz sich selbst überlassen werden (etwa nach dem Motto, der Filmmarkt wird es schon richten). Während bestimmte Kunstbereiche sich konsensuell staatlicher Subvention erfreuen dürfen, scheint dem Kino in einigen Kreisen nach wie vor nur der Ruf seiner Jahrmarktsherkunft anzuhaften. Wer jedoch Filmvielfalt will, in der auch unkonventionelle, weniger profitorientierte Produktionen ihren Platz finden, muss diese fördern. Filmfestivals sind dafür wichtige Plattformen. Sie bieten – zumal mit dem Schwerpunkt Independent-Kino – insbesondere jungen Filmemacher/innen aufmerksamkeitsfördernde Anlaufstellen für ihre künstlerischen Projekte.

Die Heranführung des Publikums an gesellschaftspolitisch relevante, durchaus auch sperrige Filme ist Torsten Neumann wichtig. Sein Filmfest genießt in Fachkreisen längst einen entsprechend guten Ruf. Auch dem diesjährigen Programm ist diese Intention anzumerken.

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Mania Akbari. FOTO: Filmfest Oldenburg

Neben den zahlreichen Independent-Filmen vor allem aus Deutschland und den USA widmet sich die Retrospektive der iranischen Filmemacherin Mania Akbari, die im vergangenen Jahr ihre Heimat verlassen musste und nach London ins Exil floh. Ihre Filme hatten ohnehin den Zorn der iranischen Zensur auf sich gezogen, sind ohne Genehmigung gedreht worden, bis Akbari schließlich im letzten Sommer, während ihrer Arbeit an dem Film „Women Do Not Have Breasts“, eine Festnahme zu befürchten hatte. Sie hat den Film unter dem Titel „From Tehran to London“ in England fertiggestellt. Er feiert am Freitag (13.09.) um 19 Uhr seine Deutschlandpremiere. Mania Akbari, die als Ehrengast geladen ist, wird allerdings nicht auf dem Filmfest erscheinen: Aufgrund fehlender Papiere untersagen ihr die britischen Behörden die Ausreise aus ihrem Londoner Exil.

Während Akbaris Filme soziale Realitäten aufspüren, ist der fiktiven Regisseurin im Eröffnungsfilm „Die Erfindung der Liebe“ das Soziale irgendwann beim Umschneiden des Films abhanden gekommen. Ursprünglich ging es um ein junges Pärchen aus ärmlichen Verhältnissen, das in seiner Not eine todkranke Millionärin zu hintergehen versucht.

Die tatsächliche Regisseurin von „Die Erfindung der Liebe“, Lola Randl, sah sich vor zwei Jahren plötzlich während der Dreharbeiten mit dem Tod ihrer Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky konfrontiert. Trotzdem hat sie den Film beendet, hat aber um die eigentliche Geschichte herum das Filmdrehen selbst zum Thema gemacht, hat fertige und neu gedrehte Szenen mehrfach miteinander verschachtelt.

Nun geht es um ein Filmteam, das sich plötzlich mit dem Tod seiner Hauptdarstellerin konfrontiert sieht und darauf reagieren muss. Es beginnt ein aberwitziges Spiel mit Meta-Ebenen, bei dem sich die fiktive Regisseurin, ihr Drehbuchautor und die Darsteller selbst ins Drehbuch hineinschreiben, dabei aber zunehmend mit ihren Liebesgeschichten in Rahmen- und Binnenhandlung verzetteln. Bald wissen auch wir nicht mehr, wer hier wessen Gefühle erfindet oder nicht. Aus dem fiktiven Hauptdarsteller Daniel bricht es irgendwann heraus: Vom ganzen „Umverlieben“ habe er bereits Schweißausbrüche.

Mit „Die Erfindung der Liebe“ ist Lola Randl ein entschlossen unentschlossener Film gelungen: eine mal klassisch, mal beiläufig inszenierte Beziehungsdramödie, die nicht nur nach der Erfindbarkeit von Liebe fragt, sondern auch geistreich über die Kontrollierbarkeit des Filmemachens sinniert. Für die Eröffnung eines Filmfests ist eine solche Film-im-Film-Reflexion natürlich eine ideale Wahl.

Der Lokalteil wird ab heute täglich über ausgewählte Filme berichten.

 

Wer den Eröffnungsfilm „Die Erfindung der Liebe“ verpasst hat, kann ihn am Samstag (14.9.) um 16.30 Uhr in der Exerzierhalle in der Wiederholung sehen.

Neben „Form Tehran to London“ laufen noch folgende Filme in der Retrospektive zum Werk von Mania Akbari: „Crystal“/“30 Minutes to 6AM“ (Do., 19 Uhr, Staatstheater Spielraum), „20 Fingers“ (Fr., 16.30 Uhr, EWE Forum Alte Fleiwa), „10+4“ (Sa., 19 Uhr, Staatstheater Spielraum), „One. Two. One“ (So., 14.30 Uhr, Staatstheater Spielraum).Besondere Empfehlung: „Ten“ von Abbas Kiarostami (Sa., 16.30 Uhr, Staatstheater Spielraum), in dem Mania Akbari eine Taxifahrerin spielt. Der Film ist komplett in einem Taxi gedreht, spiegelt aber facettenreich über die wechselnden Fahrgäste und Seitenscheibenblicke iranischen Alltag.

Das vollständige Programm ist auf der Homepage des Filmfests einzusehen. Dort können auch Karten vorbestellt werden.

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1 Kommentar

  • Ich teile Eure Einschätzung, dass es an der Zeit ist, den überflüssigen Hauch von Hollywood abzustreifen. Das diesjährige Programm ist alles andere als Mainstream, es ist unabhängig, kritisch, international. Eben Oldenburg.

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