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| 7. September 2013 06:00 | Kommentare deaktiviert für Sommerlektüre: Friesen-Mafia (3)
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„Kommissar Tammo Poppinga hat zwei Probleme. Zum einen mit der schönen Toten am Deich, zum anderen mit seiner Oldenburger Kollegin Swantje Bilger.“ – Über die Sommerzeit veröffentlicht der Oldenburger Lokalteil Auszüge aus Achim Tackes Dangast-Nordsee-Krimi „Friesen-Mafia“.

„An den Scheißdingern kannste nichts mehr selber machen.“ War Ole ´s Antwort.
Tammo zog eines der Fotos aus seiner Jacke und hielt es Ole hin.
„Kennst Du die Frau?“
Ole schaute nur kurz auf das Bild.
„Nie gesehen!“
„Sie soll auf deinem Hof gewesen sein.“
„Es kommen laufend Touristen auf meinem Hof. Städter, die Milch kaufen wollen. Die spinnen doch.“
„Ist doch schön, wenn die Leute gleich die frische Milch vom Bauern kaufen wollen“, meinte Swantje. Ole sah sie an, als wäre der Schwachsinn gerade über sie hergefallen.

Demut und Vergebung. Illustration: C.M. Kusmierz.

Demut und Vergebung. Illustration: C.M. Kusmierz.

„Wer ist die denn?“ fragte er.
„Eine Kollegin aus Oldenburg!“
„Merkt man!“
Tammo hielt Ole das Foto direkt unter die Nase.
„Sie war hübsch!“
„Stimmt!“
„Und du hast sie nicht bemerkt?“
„Nö!“
„Sie war mit einem Porsche hier“, beharrte Tammo.
„Dafür kann ich doch nichts!“
„Und deine Frau?“
„Die fährt keinen Porsche!“
„Lass den Blödsinn. Ich will wissen, ob deine Frau die Frau vielleicht gesehen hat.“
„Welchen Schlüpfer hat deine Kollegin an?“
Tammo starrte Ole an und verstand nicht. Ole grinste breit.
„Wie soll ich dir eine Frage beantworten, die nur meine Frau beantworten kann? Machst du deine Ermittlungen immer so schlampig?“
Ole widmete sich wieder seinem Schlepper. Tammo spürte, wie das Blut in seinen Kopf stieg. Zum Glück sagte Swantje nichts. Sie gingen zum Haus und klingelten. Ole´s Frau war groß und ungewöhnlich stark bemuskelt. In ihrem Gesicht hing eine übergroße Nase, die zwei enganliegende Augen bewachten. Die Mimik schien seit Jahren eingefroren. Tammo wusste, dass sie einst niedersächsische Diskusmeisterin war. Als ihr Trainer sie mit Anabolika zu dopen versuchte, stieg sie aus. Der Trainer zog, weil ihm nichts nachzuweisen war, nach Süddeutschland und sie zu Ole. Tammo hielt ihr eines der Fotos hin.
„Haben Sie die Frau schon einmal gesehen?“ Ihr Gesicht verdunkelte sich. Automatisch sah sie in Richtung ihres Mannes.
„Sollte ich?“
„Jemand hat diese Frau gesehen, als sie mit ihrem Porsche den Hof verließ.“
„Bei mir war sie nicht!“
„Ich will ja auch nur wissen, ob Sie die Frau schon mal gesehen haben?“
„Hab ich nicht!“ und damit fiel die Tür zu.
Tammo und Swantje stiegen in den Wagen.
„Der hält mich für ne blöde Kuh!“ Swantje war wütend. Tammo zog es vor nichts zu sagen.
„Warum sollen die Leute auf dem Land nicht vom Bauern Milch kaufen?“ Swantje musste ihrem Ärger Luft machen. „Frischer geht es doch gar nicht. Wenn ich auf dem Land leben würde, nur theaoretisch gedacht, würde ich alles frisch bei den Bauern kaufen. Sonst braucht man doch gar nicht auf dem Land zu leben. Ich meine, wenn man sich das so richtig überlegt, dann macht es doch erst richtig Sinn.“
Tammo konnte das so nicht stehen lassen. Außerdem befürchtete er, dass er für Stunden das Gerede ertragen müsse.
„Was wollen Sie denn auf dem Land frisch kaufen?“ Er hielt seine Stimme bewusst bedeckt. Swantje sah ihn mit großen Augen an.
„Alles! Milch, Fleisch, Gemüse und Obst.“
„Wo wollen Sie denn hier Gemüse und Obst herbekommen?“
„Aus den Bauerngärten natürlich.“
„Wo gibt’s denn hier noch Bauerngärten?“
„Es gibt keine Bauerngärten?“
„Ich kenne keinen!“
„Es gibt keine Bauerngärten mehr?“
„Mit fällt keiner ein.“
„Die Bauern haben doch viel Land. Dann müssen die doch auch einen Garten haben.“
„Warum?“
„Die kaufen ihr Gemüse im Supermarkt?“ Swantjes Gesicht war voller Zweifel.
„Klar! Wie alle anderen auch.“
„Aber Milch! Es gibt überall Kühe und damit auch Milch. Frisch vom Bauernhof!“ Als hätte sie gerade einen Werbeslogan entwickelt, unterstrich sie den letzten Satz mit einer weiten Geste.
„Ist verboten!“
„Milch kaufen ist verboten?“
„Jo!“
„Sie wollen mich verarschen?“
„Nö!“
„Aber ich kann doch überall Milch kaufen!“
„Im Supermarkt ja, auf dem Hof nicht!“
„Was soll denn der Quatsch?“
„Kein Quatsch – Hygiene. Muss erst homogenisiert und sterilisiert werden.“
„Ist ja ekelig!“ Swantje schwieg und dachte nach. Tammo atmete durch. Er hatte Moorhausen verlassen und war auf dem Weg zu Hinnerk Paulsen, der zweite Name, den Schorsch erwähnt hatte. Sein Handy klingelte.
„Moin!“ Dann schwieg er und hörte zu. Es war Kollege Onno aus der Zentrale.
„Höhensieb liegt tot auf einer Sandbank beim Angaster Leuchtturm!“
„Der Höhensieb?“ fragte Tammo.
„Genau! Futtermittel Höhensieb. Zwei Fischer haben ihn gefunden. Die warten auf euch.“
Der Wagen wurde langsamer, bis er schließlich stand. Tammo beendete das Gespräch ohne Gruß.
„Wieder ein Toter. Wird allmählich inflationär.“ Er drehte den Wagen und fuhr Richtung Dangast.
„Wissen Sie schon wer der Tote ist?“ Swantjes Wut war verflogen.
Tammo nickte. „Harald Höhensieb. Futtermittelhändler und Arschloch.“
10 Minuten später waren sie im Dangaster Hafen und auf dem Boot der Wasserschutzpolizei.
„Sollten wir nicht auf die SpuSi warten?“ fragte Swantje eher vorsichtig.
„Die Leiche liegt auf einer Sandbank, die bei Flut unter Wasser steht. Der Tote ist angeschwemmt worden. Da gibt es keine Spuren.“ Tammo machte eine Pause. „Es sei denn, eine Möwe hat ihm…“ Nein, das war gemein, was er sagen wollte und schwieg. Swantje wollte auch nichts Genaueres wissen. Der Motor wirbelte das Wasser auf und sie verließen den Hafen. Das Boot hielt sich in Richtung Arngaster Leuchtturm. Links lag Wilhelmshaven, aber dafür interessierte sich im Moment niemand. Von Ferne sahen sie schon die Leiche und die beiden Fischer, die sie gefunden hatten. Tammo verließ als erster das Schiff.

aufrechter Gang. Illustration: C.M. Kusmierz.

aufrechter Gang. Illustration: C.M. Kusmierz.

„Wann habt ihr ihn gefunden?“
„Vor einer halben Stunde. Können wir jetzt fahren? Die Ebbe kommt.“ Tammo ließ sie ziehen. Swantje hatte sich die Leiche in der Zwischenzeit genauer angesehen. Tammo ging auf sie zu.
„Genau ins Herz. Ich vermute, dass er das Opfer ist, das die schöne Tote hinterlassen hat.“
Swantje zog sich die Handschuhe aus. „Hatte er Feinde?“
„Wenn Gläubiger Feinde sind, hatte er jede Menge.“
„Er hat Geld verliehen?“
„Auch, so weit ich weiß. Aber die meisten standen wegen der Futtermittel bei ihm in der Kreide. Die Milchpreise sind seit fast einem Jahr im Keller. Da gibt es oft Engpässe.“
Gunnar Klöver tauchte mit seinem Boot auf. Mehr als ein „Moin“ sagte er nicht. Er sah sich die Leiche nur kurz, aber intensiv an. Dann gab er den Polizisten Zeichen, dass sie die Leiche auf´s Schiff bringen sollten.
„Wie sieht es bei Kühn aus?“ fragte er Tammo.
„Frei!“
„Gut, dann dahin. Die andere auch.“
Gunnar Klöver bestieg sein Boot und fuhr ab.
„Sie wollen die Leichen tatsächlich zum Schlachter bringen?“ Swantje war empört.
„Der Laden ist seit gut vier Jahren zu. Das Kühlhaus funktioniert noch.“
„Aber die Hygiene!!!“
„Ist wie bei der Milch. Man muss nur dafür sorgen, dass die Keime wegbleiben.“
Als sie wieder im Dangaster Hafen waren, ging die Sonne unter. Wie die Pilger zog es die Touristen zum Strand. Die meisten suchten Platz am alten Kurhaus oder auf der Terrasse der Klause. Die Ebbe hatte den Jadebusen in eine faszinierende Mondlandschaft verwandelt. Die untergehende Sonne glitzerte in den Prielen und im feuchten Sand. Reichlich Platz zum Träumen. Tammos Sinn stand allerdings woanders – zumal er Swantje an seiner Seite hatte, die ihn immer noch für einen Dorftrottel hielt. Zum Glück hielt sie die Klappe. Außerdem hatten sie eine schlechte, eine Todesnachricht zu überbringen. Tammo und Swantje fuhren nach Varel. Das Haus der Höhensiebs lag in einem Neubauviertel. Villen im mediterranen Stil standen hinter Rhododendren und Betonputten. Welcher Schwachkopf ist nur auf die absurde Idee gekommen in Friesland Villen im mediterranen Stil zu bauen, dachte Tammo.
„Sieht doch irgendwie völlig beknackt aus, dieser mediterrane Stil“, sagte Tammo. “Ich finde, sieht richtig schick aus,“ sagte Swantje. Tammo verdrehte nur die Augen.
„Ich finde, diese Häuser haben etwas Großzügige, sie sind hell und nicht so düster wie die Backsteinbauten.“ Swantje sah sich neugierig dabei um. „Man kann durchaus von anderen Kulturen lernen.“
Sie fanden das Haus der Höhensiebs. Tammo räusperte sich mehrere Male, während sie den gepflasterten Weg zur Haustür entlang gingen. Swantje drückte die Klingel. Es dauerte eine Weile, bis das Flurlicht anging. Frau Höhensieb öffnete. Tammo hatte sie noch nie gesehen und war erstaunt. Sie war so anders als Harald Höhensieb. Schlank, fast grazil. Brünette Haare, kurzgeschnitten und helle Augen. Sie war mindestens 10 Jahre jünger als Höhensieb. Im Gegensatz zu dem Haus, in dem sie wohnte, war sie ausgesprochen geschmackvoll gekleidet.
„Wir haben eine ganz schlimme Nachricht Ihnen zu…. Solveig?“
„Swantje?“
Die beiden Frauen sahen sich eine Weile ungläubig an. Swantje löste sich zuerst aus der Starre.
„Solveig, dein Mann ist tot. Wir haben ihn im Jadebusen gefunden.“
Solveig Höhensieb starrte Swantje an, öffnete dabei die Tür und ließ die beiden eintreten. Swantje zögerte einen Moment, dann nahm sie Solveig in die Arme. Tammo sah in das Gesicht von Frau Höhensieb. Sie weinte nicht. Sie war ratlos. Tammo ging vor. Er vermutete am Ende des Flurs das Wohnzimmer und hatte recht. Die Wohnung sah aus, als wäre es die Auslage eines Möbelhauses. Alles schien seinen festen, unverrückbaren Platz zu haben. Steril, fiel Tammo ein, hygienisch einwandfrei, aber großzügig – mindestens 50 qm, schätzte er. In diesem Haus wurde nicht gelebt, sondern präsentiert. Die beige Ledercouch schien ungebraucht. Tammo sah sich in dem Raum um und suchte nach Lebenszeichen. In der Nähe der Terrassentür entdeckte er einige Krümel, vielleicht Sandkörner, die irgendwer von draußen mit herein gebracht hatte. Der teilweise Abdruck eines Schuhs mit grober Sohle war zu erkennen. Sandkörner oder was sie sonst auch immer waren, waren ein Lebensbeweis. Es dauerte, bis die beiden Frauen folgten.
„Und jetzt?“ fragte Frau Höhensieb.
„Können wir Dir einige Fragen stellen?“ wollte Swantje wissen.
„Wann hast du deinen Mann zum letzten Mal gesehen?“
„Gestern. Gestern Morgen. Er wollte wieder wegfahren.“
„Wohin?“
„Ich weiß es nicht. Er hat mir in der letzten Zeit nie gesagt, wohin er fuhr.“
Tammo war irritiert. „Sie wussten nicht wohin ihr Mann fährt?“
„Früher, vor einigen Jahren hat er mich manchmal mitgenommen. Wir waren zusammen in Kiew, Prag und Budapest. Es wurde immer weniger. Er ging seine Wege, ich die meinen.“
„Wie lange wollte er wegbleiben?“
„Weiß ich auch nicht. War es ein Unfall?“
„Nein, er ist erschossen worden.“
Zuerst starrte Solveig Swantje an, dann Tammo.
„Erschossen?“
Tammo zog ein Bild von der Toten aus seiner Tasche.
„Kennen Sie diese Frau?“
Ihre Augen füllten sich jetzt mit Tränen. Sie starrte auf das Foto.
„Hatte er ein Verhältnis mit ihr?“
Swantje streichelte Solveigs Haar.
„Das wissen wir nicht. Aber es ist wahrscheinlich, dass sie deinen Mann erschossen hat.“
Solveig drehte sich erstaunt zu Swantje um.
„Aber ist sie nicht auch tot? Sie sieht so tot auf dem Bild aus.“
„Ja, sie ist auch tot. Kanntest du sie?“
Solveig schüttelte den Kopf.
„Was seine Verhältnisse anging, war er immer diskret.“
Sie machte eine Pause.
„Nicht wegen mir. Er wollte nicht, dass über ihn geredet wird.“ Jetzt weinte sie und es schienen Tränen voller Selbstmitleid. Tammo räusperte sich. „Ich muss die Frage stellen: Wo waren Sie gestern?“
„Ich war im Betrieb – ausnahmsweise. Normalerweise bin ich nur selten im Betrieb, aber mein Mann wollte, dass ich mit Frau Tomaszewski die Weizenlieferungen aus der Ukraine kontrolliere.“
„Wer ist Frau Tomaszewski?“
„Die Sekretärin meines Mannes.“ Solveig Höhensieb schwankte etwas.
„Soll ich heute Nacht bei dir bleiben?“ fragte Swantje.
Solveig schüttelte den Kopf.

Achim Tacke, 1953 im Harz geboren studierte Malerei, sowie Film und Fernsehen. Seit 1988 lebt er in Norddeutschland und entwickelte für den NDR Serien wie „Landpartie – im Norden unterwegs“ und Menschen am Wasser.  Die Illustrationen sind aus der Serie „Menschlichkeit wächst nicht in der Küche“ von Caspar Michael Kusmierz Eine Illustration aus der Serie wurde für das Buchcover ausgewählt.

Hier finden Sie Teil 1 und Teil 2 der “Friesen-Mafia”.

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