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| 17. August 2013 10:50 | Kommentare deaktiviert für Kleine Banalitäten in Super 8
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Die Berliner Filmemacherin Dagie Brundert entwickelt ihre Super-8-Miniaturen neuerdings am liebsten in Rotwein, Kaffee oder Bier. Wie es dazu kam (und auch wann und wo man das selbst ausprobieren kann), verrät sie im Lokalteil-Interview.

Dagie Brundert mit der "Russendose", in der die Filme entwickelt werden. FOTO: privat

Dagie Brundert mit der “Russendose”, in der die Filme entwickelt werden. FOTO: privat

Wie bist du eigentlich zum Filmemachen gekommen? Und wieso gerade Super 8 als Material? Das verbindet man ja eher mit den spießigen Urlaubsfilmchen unserer Elterngeneration …

Ich habe an der Berliner Hochschule der Künste studiert und wusste nicht so recht, was ich wollte und konnte, außer basteln und fotografieren. Eines Tages kam mein Professor mit einer Super-8-Kamera an und sagte: “Probiert mal, wenn ihr wollt!” Zum Glück war ich schnell, nahm die Kamera – und da war’s um mich geschehen. Wie toll: simpel, preiswert, verfügbar, schön! Von da an bastelte ich mir meine eigenen Kulissen, Geschichten, Welten … 16-mm- oder 35-mm-Material war außerhalb meiner Reichweite. Zu teuer. Ich war ja an keiner Filmhochschule, es gab kein Budget.

Zur Person: Dagie Brundert, 1962 in Ostwestfalen geboren, studierte in Krefeld und an der HdK Berlin visuelle Kommunikation und experimentelle Filmgestaltung. Mitte der Neunziger Jahre veranstaltete sie als Teils des Filmerinnenkollektivs “FBI – Freie Berliner Ischen” Super-8-Abende. Seit einigen Jahren organisiert sie Super-8-Workshops mit alternativen Entwicklungsmethoden.

Du machst ja ganz verschiedene Sachen: Kurze narrative Geschichten, Animationen, Dokumentationen, Experimentalfilme … Trotzdem erkennt man die Filme von dir sofort. Was macht den typischen “Dagie-Brundert-Stil” aus?

Ich glaube, es liegt überall Witz in meinen Filmen verborgen. Und würzige Kürze. Ich hasse langatmige Geschichten, die nicht auf den Punkt kommen. Ich liebe kleine Banalitäten, unscheinbare Schönheiten. Das Wabi-Sabi der Dinge. Und ich tauche – mal im Bild, mal auf der Tonspur – immer selbst auf, verbastele mich sozusagen des Öfteren selbst.

Stichwort “würzige Kürze”: Die meisten deiner Filme sind sehr kurz, unter fünf Minuten. Hattest du nie Ambitionen, mal etwas Längeres zu produzieren?

Doch, einmal, vor zehn Jahren. Den Film gibt es auch, er heißt “Calexico Next Exit” und ist 85 Minuten lang, eine Koproduktion mit meiner Freundin Gabriele Kahnert. Etwa ein Sechstel ist auf Super 8 gedreht, der Rest digital. Ein wunderbarer Film über Musik und ihre enorme Wirkung. Weniger über die gleichnamige Band, mehr über die Fans, über Reisen und Überwindung von Grenzen. Leider können wir den Film nicht legal aufführen, da die Band uns zwar erst hat drehen lassen (wir haben sie auf Touren in den Staaten und in Europa begleitet), aber uns die Musikrechte nicht verkauft hat. Wahrscheinlich fanden sie die Super-8-Szenen scheiße, was auch immer, sie haben es nie kommuniziert.

Ich sage nur: Nie wieder Langfilme! Allein schon das zähe Hausieren und Betteln um Förderung! Es war eine interessante Erfahrung, aber das muss ich mir nicht noch einmal geben.

Vor einigen Jahren bist du dann auf die Bioentwickler-Szene gestoßen. Was hat es damit auf sich?

Man nehme ... FOTO: Dagie Brundert

Man nehme … FOTO: Dagie Brundert

Auf der Suche nach Entwicklerrezepten habe ich im Netz Fotografie-Foren durchgestöbert – und bin über Caffenol gestolpert. Sofort war ich fasziniert: ein perfekt funktionierender Schwarzweiß-Negativ-Entwickler! Auf Kaffeebasis! Voll biologisch! Keine “böse” Chemie, nur Küchenkram! Das habe ich ausprobiert und dann erweitert: Was ist das Entwickelnde im Kaffee? Wo ist das noch drin? Und seitdem experimentiere ich mit den leckersten Dingen: Wein, Tee, Blüten, Kartoffeln, Seegras … Die Ergebnisse sind erstaunlich gut! Außerdem gefällt es mir sehr, nicht total von “Kauf-Chemie” abhängig zu sein. Es gibt Alternativen zu Kodak, Tetenal und Co.

Zu diesem Thema leitest du jetzt auch einen Super-8-Workshop auf dem Oldenburger Freifeld-Festival. Aber das ist ja nicht dein erster Besuch in unserer Stadt …

Nein. Ich bin 2003 zu den Oldenburger Kurzfilmtagen Zwergwerk eingeladen worden, um dort ein paar meiner Kurzfilme zu zeigen, eine Art Werkschau. War nett! Und es gab einen Stengelbierwettbewerb: Stengelbiere tauchen in meinem Animationsfilm “Die coole Bar am Klondyke-River” auf. Wir haben die während des Festivals nachgebaut …

Was erwartet die Workshop-Teilnehmer beim Freifeld? Wie läuft das ab?

Kaum Theorie, viel Praxis! Zu Beginn erzähle ich ein bisschen was über Super 8, zeige Beispielfilme, erkläre die Suppen und deren Hintergründe. Und dann geht’s auch schon raus mit den Super-8-Kameras. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Am ersten Nachmittag werden wir einen Film gemeinsam filmen, damit alle ein Gefühl für die Kamera bekommen. Der Film wird direkt im Anschluss entwickelt, in einer Suppe aus Bier, Vitamin C und Waschsoda. Danach verteile ich Kameras an die Workshop-Teilnehmer, und es wird losgefilmt bis zum nächsten Vormittag. Ab etwa 11 Uhr wird angerührt und entwickelt. Spaß ist garantiert, und am Ende kommt ziemlich sicher was Fantastisches raus!

Der Workshop-Auftakt findet am Freitag, 23. August um 15 Uhr statt, Anmeldungen können auf der Freifeld-Website vorgenommen werden. Die Präsentation der Workshop-Ergebnisse erfolgt am Sonntag um 12:45 Uhr.

(Anmerkung: Der Oldenburger Lokalteil ist Medienpartner des Festivals, die Lokalteil-Redakteure Amon Thein, Björn Franke und Christian Wichmann gehören zu den Organisatoren.)

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Wahloldenburger seit 1999, Mitinitiator der Oldenburger Kurzfilmtage zwergWERK. Wenn Christian gerade nicht seinem Brot-und-Butter-Job nachgeht oder sich auf Filmfestivals herumtreibt, spaziert er gerne durch die Straßen und fotografiert Dinge.
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