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| 12. August 2013 12:56 | 6 Kommentare
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An diesem Wochenende wurde der Offshore-Windpark Riffgat eröffnet. Bis zur Inbetriebnahme dauert es allerdings noch ein halbes Jahr – zum Ärger der EWE und der Politik.

Der Strom ist irgendwo da draußen. Riffgat auch. FOTO: mno

Der Strom ist irgendwo da draußen. Riffgat auch. FOTO: mno

Aus seinem Frust machte Werner Brinker am Samstag kaum einen Hehl. Eigentlich hätte sich der Vorstandsvorsitzende des Energieversorgers EWE auf einen Termin freuen können, der nichts mit den Negativmeldungen zu tun hat, mit denen sich der Konzern in den vergangenen Monaten herumschlagen musste: Der Offshore-Windpark Riffgat vor der Küste Borkums, der nach Konzernangaben „erste kommerzielle Windpark in der deutschen Nordsee“, sollte offiziell in Betrieb genommen werden. Allerdings dauert es nun noch ein halbes Jahr, bis er wirklich Strom ins Netz einspeisen kann: Riffgat ist noch nicht mit dem Festland verbunden, es fehlen noch 15 Kilometer Kabel. „Ärgerlich“, sagte Brinker.

Dennoch wurde die Eröffnung im Seebad Norden gefeiert wie geplant, auch wenn die symbolische Riffgat-Steckdose nicht präsentiert werden konnte. Dafür zeigte die EWE einen aufwendig produzierten Imagefilm über den Bau des Offshoreparks: Lächelnde Arbeiter und ernst dreinblickende Ingenieure, große Maschinen, die riesige Bauteile in Position bringen, das Ganze untermalt mit Orchestermusik, auf die mancher Hollywoodregisseur neidisch wäre. Gegen Ende sagte ein Arbeiter, dass Riffgat jederzeit loslegen könne – es müsse nur noch ein wenig Diesel nachgefüllt werden.

Gekicher im Publikum. Jeder Anwesende kannte die Schlagzeilen der vergangenen Tage: Die Riffgat-Windräder müssen noch über Monate mit Hilfe von Dieselmotoren regelmäßig in Bewegung gesetzt werden, damit die Technik im rauen Nordseeklima keinen Schaden nimmt. 22.000 Liter fossilen Brennstoffs würden so jeden Monat verbrannt, hieß es in Medienberichten – der High-Tech-Windpark verbraucht Energie, statt sie zu produzieren; und dann auch noch schmutzige.

Der Netzbetreiber Tennet, der für den Anschluss von Riffgat zuständig ist, erklärte die Verzögerung damit, dass entlang der Kabelstrecke verklappte Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg lägen und geräumt werden müssten. Das sei seit den 50er-Jahren bekannt, grollte EWE-Vorstand Torsten Köhne und übte scharfe Kritik am Kommunikationsverhalten des Netzbetreibers: „Ich versuche zu verstehen, was die uns sagen wollen – aber es gelingt mir nicht.“ Und Brinker giftete in Richtung Tennet, dass man dort mehr als genug Vorlauf gehabt habe. Der EWE-Chef kündigte in diesem Zusammenhang „weitere Gespräche“ an – „und auch Streit, bedauerlicherweise“.

Nicht gut auf Tennet zu sprechen: Ministerpräsident Stephan Weil, EWE-Chef Werner Brinker und Arbeitsminister Olaf Lies. FOTO: mno

Nicht gut auf Tennet zu sprechen: Ministerpräsident Stephan Weil, EWE-Chef Werner Brinker und Arbeitsminister Olaf Lies. FOTO: mno

Auch die politischen Gäste machten ihrem Unmut Luft. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte zum Kabeldebakel: „Das ist ein Ärgernis, da brauchen wir nicht drumherumzureden.“ Ein Ärgernis vor allem deshalb, weil durch diesen Vorfall nicht nur den Verbrauchern, sondern der Akzeptanz der Energiewende überhaupt Schaden zugefügt werde. Diese trete ohnehin auf der Stelle, da potenzielle Investoren das Vertrauen in die Erneuerbaren Energien verloren hätten: Dass etwa im Hinblick auf die „nur bis 2017 geltenden Refinanzierungsregelungen“ noch nichts passiert sei, bezeichnete Weil als „unentschuldbares Versäumnis der Politik“ – insofern hoffe er, dass „dieser Tag ein Weckruf für die Energiepolitik“ sein möge.

Allein in Niedersachsen lägen „Projekte mit einem Gesamtvolumen von fünf Milliarden Euro in den Schubladen“ und warteten darauf, dass jemand das Geld in die Hand nehme, so Weil, der seine Forderung nach einer einheitlichen Bundesnetzbehörde wiederholte. Sein Wirtschaftsminister und Parteigenosse Olaf Lies sekundierte: „Wir dürfen die Infrastruktur nicht denen überlassen, die nur auf die nächste Dividende schielen.“ Die Windenergiebranche sei längst ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Niedersachsen; es gelte, die entstandenen Arbeitsplätze zu sichern und weitere zu schaffen. Die neu entflammte Debatte um die hohen Strompreise nannte Lies „politisch motiviert“: „Die Strompreise aus der Zeit der Atomenergie waren nicht ehrlich.“

Immerhin: Bei dem anderen Problem, das den Bau von Riffgat ebenfalls zwischenzeitlich verzögert hatte – nämlich dem nach wie vor ungeklärten Verlauf der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden, an der der Offshorepark liegt –, zeigte sich Weil optimistisch: „Das kriegen wir gelöst.“ Vielleicht sogar bis zum Februar, wenn Riffgat ans Netz angeschlossen werden soll.

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Journalist und Mitbegründer des Lokalteils, Erfinder des Ratssitzungs-Livetickers und Politik-, Medienwatch- und Umfragebeauftragter. Austritt aus dem Redaktionsteam im September 2013.
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6 Kommentare

  • die überschrift gefällt mir auch echt gut (-:

  • Bei der Munition handels es sich um unverbrauchte Munition, die britische Bomber auf dem Rückflug von Bombenangriffen über der Nordsee angeworfen haben, um leichter und schneller wieder zu ihren Flughäfen zurückzukommen.
    Das Kampfmittel-Problem mag ein Spezifikum sein, was die tatsäxchliche Inbetriebnahme des Windparks verzögert. Es besteht aber ein generelles Problem, dass es keinen abgestimmten Plan für den Zubau von Wind- und Solarenergie-Erzeugung und dem dafür erforderlichen Netzausbau gibt. Finanzierungsprobleme, Zulieferprobleme und in der Infrastruktur begründete Logistikprobleme spielen da eine gewichtige Rolle.
    Zahlen für Gewinnausfälle und zusätzliche Kosten infolge fehlender Abstimmungen zwischen Erzeugungskapazitäten und Netzanschlüssen müssen zu 90% die Verbraucher per Umlage.
    Die so anfallenden Leerkosten bestehender Anlagen kosten heute schon etliche 100 Millionen € pro Jahr. Die Differenz zwischen den Erzeugungskosten von Wind- und Solarstrom und den Erlösen, zu denen er bei Überproduktion an der Strombörse “verramscht” werden muss betragen inzwischen mehr als 3 Mrd. € pro Jahr. Tendenz für beide Posten eher steigend.

  • Was für eine grandiose Überschrift! :-)

  • munition, gib mir munition! feuer frei auf die deppen von tennet! (-;

  • avatar Schlaubi Schlumpf

    Der Artikel gefällt mir. Leider kann ich mit der Überschrift nicht wirklich was anfangen? Wie ist das mit Wehrmacht gemeint?

    • avatar Schlaubi Schlumpf

      Sorry, muss zurück Rudern. Auf dem Handydisplay etwas übersehen.

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