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| 23. Juli 2013 09:56 | 6 Kommentare
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Deutschlands bekanntester Bibliothekar kam aus Oldenburg. Zum Tod von Paul Raabe – ein Nachruf von Michaela Klinkow, Mitarbeiterin der Landesbibliothek Oldenburg

Paul Raabe. QUELLE: HAB Wolfenbüttel

Paul Raabe. QUELLE: HAB Wolfenbüttel

Am 5. Juli verstarb der hochangesehene Wissenschaftler und gleichzeitig „Deutschlands bekanntester Bibliothekar“ (FAZ) Paul Raabe im Alter von 86 Jahren in Wolfenbüttel. Hier hatte der gebürtige Oldenburger in der Nachfolge von Gottfried Wilhelm Leibniz und Gotthold Ephraim Lessing die Herzog August Bibliothek von 1968 bis 1992 geleitet. Er baute sie zu der geisteswissenschaftlichen Studien- und Forschungsstätte aus, als die sie heute weltweit bekannt ist.

Raabes Anfänge als Bibliothekar liegen jedoch in seiner Heimatstadt Oldenburg, wo er 1927 geboren wurde und aufgewachsen ist. In der Landesbibliothek an der Ofener Straße wurde er von 1946 bis 1948 zum Diplombibliothekar ausgebildet. Anschließend arbeitete er hier bis 1953 weiter, als es ihn zum Studieren nach Hamburg zog. Nachdem er das Studium der Germanistik und Geschichte abgeschlossen hatte, promovierte er 1957 und ging dann als Leiter der Bibliothek des Deutschen Literaturarchivs nach Marbach. Hier eröffnete er mit der legendären Expressionismus-Ausstellung von 1960 der deutschen Literatur neue Räume. Die Zeit in Marbach (bis 1968) nannte Raabe in einem Band mit Memoiren später „Mein expressionistisches Jahrzehnt“. Der Nationalsozialismus hatte die Expressionisten als „entartet“ verfemt, und Raabe entdeckte sie für die Germanistik neu. An der Universität Göttingen wurde der Literaturwissenschaftler 1968 habilitiert.

Trotz seiner zeitintensiven Leitungsstellen und seines Lehrstuhls an der Universität Göttingen veröffentlichte Raabe zahlreiche Werke zur Buch-, Bibliotheks- und Quellengeschichte, zur Literatur des Expressionismus, der Aufklärung und zur Weimarer Klassik. Seine große Schaffenskraft bewies er auch nach dem eigentlichen Eintritt in den Ruhestand. Ab 1992 engagierte er sich für die Rettung der maroden Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale), als deren Direktor er bis 2000 fungierte. Die DDR hatte die pietistische Lehranstalt des August Herrmann Francke, ein kostbares historisches Ensemble aus Fachwerkhäusern und steinernen Barockbauten, verfallen lassen. Raabe setzte alle Hebel in Bewegung, um dieses ostdeutsche Kulturerbe zu retten. Dass ihm die Unterstützung weiterer kultureller Leuchttürme im Osten Deutschlands sehr am Herzen lag, bewies er mit seinem Blaubuch „Kulturelle Leuchttürme“ (2002, 2006). Davon profitierte auch die lange vernachlässigte Herzogin Anna Amalia Bibliothek, die dank seines Drängens ihren Erweiterungsbau erhielt.

Der verdienstvolle Kulturmanager und herausragende Gelehrte wurde in der Öffentlichkeit durch hochrangige staatliche und wissenschaftliche Auszeichnungen gewürdigt, darunter das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und zuletzt die Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Zu der Bibliothek, in der er sein bibliothekarisches Rüstzeug erworben hatte, der Landesbibliothek Oldenburg, pflegte Paul Raabe eine besondere Beziehung. So zeigte die Landesbibliothek eine große Ausstellung aus Anlass seines 80. Geburtstags 2007, in der die verschiedenen Aspekte seines erfolgreichen Schaffens präsentiert wurden. Mit der Landesbibliothek vereinbarte Raabe die Überlassung seines schriftlichen Nachlasses und seiner Buchbestände zum Expressionismus nach seinem Tod.

Lesen Sie hier auch weitere Nachrufe auf Paul Raabe – in der FAZ, der Mitteldeutschen Zeitung, im Börsenblatt sowie in der Neuen Zürcher Zeitung.

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6 Kommentare

  • Mit Prof. Raabe hatte ich im Laufe meines beruflichen Lebens nur eunmal zu tun und das war ein für mch erfreuliches Erlebnis. Es ging natürlich um August Hinrichs. Ichhatte in diesem Zusammenhang versucht, die “Zeit” für den Fall zu interessieren, stieß aber bei dem Kollegen – an den Namen kann ich mich nicht mehr erinnern – auftaube Ohren. “Hinrichs?” fragte er mich. “Hinrichs – wer ist Hinrichs? Wenn Sie mir mit Hardekopf kämen, wäre das eine andere Sache.” Nun war es an mir die Frage zu stellen: “Wer ist Hardekopf?” Und die Recherchen führten mich zu Paul Raabe und da stellte sich heraus, dass diesem Mann dieser Dichter nicht nur bekannt war, sondern dass er sich vergeblich bemüht hatte, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den einzigen oldenburgischen Dichter zu lenken, dem es gelungen war, sich mit seinem schmalen Oeuvre in die deutsche Literaturgeschichte hinein zu schreiben – nur war Hardekopf ein Expressionist und darüber hinaus ein konsequenter Gegner der Nazis – mit der Folge, dass er in Oldenburg völlig vergessen, besser gesagt: verdrängt wurde. So viel an dieser Stelle zu Hardekopf. Ach so: Irgendwann hatte auch dieser verfemte Dichter seinen runden Jahrestag, dessen in der Zeit und in anderen Organen umständlich gedacht wurde – in Oldenburg herrschte Schweigen. Ich habe damals eine Mitarbeiterin der Landeesbibibliothek auf das Defizit aufmerksam gemacht, die daraufhin mit Bordmitteln eine kleine Ausstellung zum Gedenken dieses in der Tat größten oldenburgischen Dichters veranstaltete – das war Alles. Naja, ich will mir jeden weiteren Kommentar verkneifem

    • Hardekopf als “größten oldenburgischen Dichter” zu bezeichnen zeugt von größter Ahnungslosigkeit. Hardekopf stammte nämlich aus Varel, ging dann lediglich einige Jahre in Oldenburg aufs Gymnasium, machte jedoch nicht einmal sein Abitur hier, sondern in Leipzig. Weder in Varel, von Oldenburg ganz zu schweigen, hat er später wieder gelebt.

  • Botschaft 1: Es gibt immer was zu meckern. Ich finde DAS beschämend.

  • Aber, verehrter Herr Spätzu, wir sollten dem Dr. Frühauf immerhin dankbar sein, dass er den traurigen Anlass nicht dazu genutzt hat, von der Bahnumgehung zu schwadronieren.

  • avatar Hermann Spätzu

    Ein Verlust, wahrlich!

    @ Dr. Armin Frühauf Botschaft 1: Sie kannten Paul Raabe. Toll!
    Botschaft 2: Ihr Bändchen scheint sich (mich wundert es nicht) schlecht zu verkaufen, sonst müssten Sie hier nicht unter einem Nachruf Werbung dafür machen. Ich finde das beschämend.

  • avatar Dr. Armin Frühauf

    Mit Paul Raabe verliert Oldenburg nicht nur einen seiner Heimatstadt sehr eng verbundenen bedeutenden Wissenschaftler und Literaten, sondern auch eine weltoffene, hilfsbereite und freundliche Persönlichkeit. So habe ich ihn kennen und schätzen gelernt.
    In einem seiner letzten Essays “Oldenburg – von weitem betrachtet” blickt er auf seine Stadt. Der Beitrag ist in dem bei Isensee 2012 erschienenen Bändchen “Das neue Oldenburger Lesebuch – Ansichtssache -” erschienen.

    Armin Frühauf

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