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| 13. Juni 2013 17:36 | 2 Kommentare
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Ab und zu schauen wir uns mal virtuell im Oldenburger Umland um und betrachten die kleinen und ganz kleinen Ortschaften der Umgebung etwas näher: Welchen Eindruck hinterlassen sie bei einem Besuch übers Internet? Was kann man alles über sie herausfinden? Das Ergebnis unseres kleinen Dörfer-Stalkings ist möglicherweise etwas subjektiv und lückenhaft, hilft aber vielleicht, die Orte mal aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Heute sind wir in Hahn-Lehmden unterwegs, begegnen dort einem laufenden Wikingerschiff, echten Rockern – und meißeln einen Kater aus der Wand.

Online durchs Umland4-niedrig

Gut was los in Hahn-Lehmden. ILLUSTRATION: hm

Die Vogelperspektive des Onlinekartendienstes zeigt zunächst etwas graue Bebauung, sowie drei, vier gelbe Straßen und einen Golfplatz, der für sich genommen schon so groß ist wie der ganze Ort. Direkt daneben zerschneidet eine lange orangene Linie die Landschaft – die Autobahn. Bei der Einreise nach Hahn-Lehmden begrüßt einen dann der Ort freundlich: „Herzlich Willkommen auf der Homepage www.hahn-lehmden.com! Ich freue mich sehr, dass Sie den virtuellen Weg zu mir gefunden haben! Und damit Sie sich schon mal ein Bild von mir machen können… – hier bin ich.“ „Hier bin ich“ entpuppt sich allerdings als älterer Herr, der die Seite wohl betreibt und auf einem Foto freundlich in die Kamera lächelt.

So sieht sicher keine offizielle Städteseite aus, interessanter ist da schon der nächste Treffer, ein Wikipedia-Eintrag. Dieser ist für den kleinen, knapp 20 Kilometer nördlich von Oldenburg gelegenen Ort allerdings keine allzu gute Werbung: Der kurze Text mit einem Abriss eher ungemütlich klingender Sehenswürdigkeiten („Bei der Deponie Hahn-Lehmden handelt es sich um die erste Deponie Niedersachsens, die von der Betriebsphase in die Nachsorgephase überführt wurde“) wird durch ein einsames Foto bebildert, das die (neben der Deponie natürlich) wohl bedeutendste Stelle Hahn-Lehmdens zeigt: die Anschlussstelle der A 29. Nein, das steigert nicht gerade die Vorfreude auf einen Besuch, auch nicht auf virtuellem Wege; doch bevor die Reise bereits an dieser Stelle ihr abruptes Ende findet: Es leben hier ja auch Menschen, allen bisherigen optischen Eindrücken zum Trotz können diese das Ding ja vielleicht noch drehen.

Tatsächlich, und das liegt wohl an der Nähe zur Autobahn, gibt es einen Motorradclub im Ort, der sich „MF Asphaltreiter“ nennt und zunächst einmal in der Rubrik „Wir“ mit einem klassischen Rockerbandengruppenfoto aufwartet, welches auf einer düsteren und mit Flammen und Totenkopf verzierten Homepage auftaucht. Der Club (alle harten Biker sollten diese Stelle jetzt besser überlesen) wartet allerdings auch mit einer Fotoserie von der Gartenarbeit auf, sowie vom Clubraum, in dessen Mitte ein gemütlicher Tisch mit rotem Kaffeekännchen und frisch gebackenem Kuchen steht. Ja, es gibt sie hier, die freundlichen Menschen. Überdies übt man sich, wohl in Richtung anderer Rockerclubs, in vorbeugender Demut: „Wir möchten darauf hinweisen, dass wir keine Gebietsansprüche stellen, dass wir nur an den Standort Hahn-Lehmden gebunden sind, um unsere gemeinsamen Aktionen zu starten“, heißt es dort. Hm, Rocker haben sich früher auch mal anders benommen.

Ebenso friedliche Gedanken hegt im Übrigen auch diese Person, die einem amerikanischen R&B-Sänger etwas Gutes tun will und auf dem Portal gutefrage.net folgende Frage stellt: „Wie lange dauert es bis ein Brief von Hahn-Lehmden nach Los Angeles kommt?“ Der Grund für das Anliegen, eher flott in die Tastatur getippt: „Ich will Bruno Mars einen Brief für seinen Geburtstag schreiben aber ich will das er genau an seinen geburtstag ankommt deswegen muss ich das wissen freue mich auf jede antwort au?er von terrorpinguin.“ Immerhin bekommt sie tatsächlich ein paar hilfreiche Antworten (zum Glück ist auch keine vom Terrorpinguin dabei), etwa diese: „Moin, ungefähr ein Jahr, denn er bleibt solange in Oldenburg stecken – lol :-)“ Und: „Glaubst du denn echt, daß Bruno Mars an seinem Geburtstag nichts Besseres zu tun hat, als Tausende von Fan-Briefen zu lesen?“ Eine abschließende Antwort, wie lange der Brief nun von Hahn-Lehmden nach LA benötigt hat, und ob er vom Herrn Mars auch wirklich gelesen wurde, findet sich im Forum indes leider nicht. Schade, irgendwie.

Also geht es weiter durch die verwinkelten Gassen des Internets, vorbei an allerlei Immobilienangeboten von der Sorte „Wunderschön wohnen im Grünen“ bis hin zur Freiwilligen Feuerwehr, gesellschaftlicher Dreh- und Angelpunkt eines jeden Örtchens. Im vergangenen Jahr, das erfährt der Besucher der Homepage, eroberte man das benachbarte Rastede „mit einem großen Wikingerboot“, warum auch immer – vielleicht mangelte es gerade an Einsätzen; für die Floriansjünger war es jedenfalls „ein besonderer Höhepunkt des vorigen Jahres“, wenn es auch etwas bizarr wirkt, dass der Bericht unter der Überschrift „Grausame Bilder nicht vergessen“ läuft. Wenn die Feuerwehr mal nicht als Wikingerboot verkleidet irgendwelche Nachbarortschaften in Aufruhr versetzt, tut sie Sinnvolleres und rettet Tiere. So geschehen im Fall „Kater Boerne“, der in etwas unbequemer Position in einem Lüftungsloch der Wohnung seines Frauchens feststeckte und durch diese Aktion wahrscheinlich heute noch jedem Hahn-Lehmdener gut in Erinnerung geblieben ist. Boernes Besitzerin war nach der mit allerlei Bohrwerkzeug erfolgreich durchgeführten Bergungsaktion verständlicherweise ziemlich dankbar und lobte die Feuerwehrmänner mit diesem schönen Satz: „Ich finde es nicht selbstverständlich, dass die Männer nach einem anstrengenden Arbeitstag freitagabends um 23 Uhr noch zu mir kommen, um mein Tier aus der Wand zu meißeln.“ Nein, das finden wir auch nicht. Aber wir hoffen, dass sich Kater Boerne unterdessen von seinen Kopfschmerzen erholt hat und wieder über die gepflegten Golfrasenflächen Hahn-Lehmdens tigert.

Zum Abschluss des Onlinebesuchs noch etwas Musik: Gemeinschaftliches Musizieren wird offenbar gern gesehen und findet in großen, kahlen Turnhallen statt. Auf seine Art besonders ist ein Gastauftritt des SC Wentorf (wo liegt das eigentlich?), der im Video festgehalten und bei Facebook veröffentlicht wurde: Unterm Basketballkorb kommt man in norddeutsch unverkrampfter Atmosphäre ordentlich in Schwingungen, hier zum Song „Verdammt ich lieb’ dich“ von Matthias Reim – und der Außenstehende wird ungefähr bei der Hälfte Zeuge eines eigenwilligen Solotanzes des Trommlers. Oder ist es gar ein Heiratsantrag an die Frau hinterm Xylophon? Man weiß es nicht – mit diesen romantischen Überlegungen verlassen wir Hahn-Lehmden also wieder, während das Lied immer leiser wird und schließlich ganz verstummt. Wie schön, dass es am Computer einen Lautstärkeregler gibt.

Zu den letzten Folgen von „Online durchs Umland“ geht es hier: „Unterwegs in Großenmeer“, „Unterwegs in Haarenstroth“ und „Unterwegs in Wüsting“.

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Geboren 1983 in Oldenburg, lebt aber derzeit in Mannheim. Malt hauptberuflich für Verlage, Unternehmen, Zeitungen und Agenturen. Für den Lokalteil zeichnet er die Serie „Cartoons über Oldenburg“, die auch in Buchform erschienen ist, ab und zu schreibt er auch mal was.

2 Kommentare

  • avatar konservaparty

    sehe ich aber mal so was andersherum. groß, diese kleine spießigkeit im internet.

  • avatar LOKALTEIL IST ÜBERFLÜSSIG

    langweiliger & absolut überflüssiger bericht.

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