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| 3. Mai 2013 06:00 | 1 Kommentar
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Ab und zu schauen wir uns mal virtuell im Oldenburger Umland um und betrachten die kleinen und ganz kleinen Ortschaften der Umgebung etwas näher: Welchen Eindruck hinterlassen sie bei einem Besuch übers Internet? Was kann man alles über sie herausfinden? Das Ergebnis unseres kleinen Dörfer-Stalkings ist möglicherweise etwas subjektiv und lückenhaft, hilft aber vielleicht, die Orte mal aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Heute sind wir in Großenmeer unterwegs, das zunächst einen eher morbiden Charme versprüht.

Online durchs Umland3-niedrig

Nachts in den Straßen von Großenmeer. ILLUSTRATION: hm

Umgestürzte Getränkekisten, eine Bahre, ein Krankenwagen mit Blaulicht, ein ADAC-Hubschrauber – die virtuelle Stippvisite in den Nordosten des Oldenburger Landes beginnt mit einem Unfall. Immerhin ist aber nicht wirklich etwas Schlimmes passiert, denn er wurde vom Dr.-Cornelius-Modellbahnverein arrangiert, einem der ersten Suchmaschinentreffer unter dem Stichwort „Großenmeer“. Auf der Homepage der Modellbahner heißt es erklärend: „Durch den Neubau unseres Schattenbahnhofes haben wir eine neu zu gestaltende Fläche. Ideen, was man darauf bauen kann haben wir genug, aber nur weniges paßt dort auch hin. Letztendlich entscheiden wir uns für einen Unfall in einem Getränkelager.“ Detailfotos des Miniatur-Unglücks werden gleich mitgeliefert.

Dass man bereits ein paar Suchtreffer später, auf den Seiten eines lokalen Abschleppdienstes, ebenfalls auf ein Fotoalbum mit Unfallbildern stößt – allerdings von echten, auf die wir hier nicht verlinken wollen – legt den spontanen Verdacht nahe, dass man in Großenmeer einen gewissen Hang zum Düsteren pflegt. Dieser Verdacht erhärtet sich ziemlich, als einige Klicks später eine ortsansässige Künstlerin im Netz auftaucht, die auf Wunsch auch gerne Urnen bemalt: Für naturverbundene Tote steht dort ein buntes Alpenpanorama zur Auswahl, für eher elegisch veranlagte eine Urne mit trübsinnig dreinblickendem Engel drauf. Zum Beispiel. Die Motive wurden zudem „so entworfen, das [sic] die Bemalung der Urnen schnell in Serie erfolgen kann“. Ist das gruselig? „FriedhofTV“ zeigt dazu passend bei Youtube eine Diashow vom Großenmeerer Friedhof, untermalt mit Klaviergeklimper, übrigens gleich der zweite Treffer bei Youtube unter dem Stichwort „Großenmeer“. Immerhin wurden die Aufnahmen dazu bei Sonnenschein gemacht und nicht im grauen Nebel eines spätherbstlichen Novembertages, so dass einem die Knie beim Weitersurfen nicht noch weicher werden.

Bei so viel Unglück und Verderben empfiehlt es sich allerdings, ein bisschen weiter zu suchen. Allein die Gestaltung der Homepage des Landfrauenvereins durch die beachtliche Verwendung der Schriftart Comic Sans stimmt den Reisenden an dieser Stelle ein bisschen frohgemuter, sie informiert darüber hinaus auch über die geschichtliche Vergangenheit Großenmeers und erhellt nebenher auch die naheliegende Frage, woher eigentlich der Ortsname stammt: „Um 1600 wurde die St. Anna Kirche im damals trocken gelegten Großenmeer, einem ehemaligen Binnensee, gebaut.“ Wäre das also auch geklärt. Nicht zu verwechseln übrigens mit dem vielbesungenen großen Meer, das gibt es fast überall auf der Welt, nur eben nicht in Großenmeer.

Und der Sport? Zumindest, und das ist jetzt irgendwie beruhigend, haben es Waffenbesitzer relativ schwer, das wird aus einem älteren NWZ-Bericht deutlich. Der örtliche Schützenverein löste sich vor einigen Jahren auf, hinterlässt aber nach wie vor ein paar, äh, Treffer im Internet: „Schützen legen die Waffen weg“, schlagzeilte das Blatt im Sommer 2009, weiter heißt es dort, dass das „vorhandene Vermögen“ an Großenmeerer Vereine und den Kindergarten verteilt wurde. Womit aber (hoffentlich) nicht die Waffen gemeint sind.

Der Sportverein GTV Großenmeer-Bardenfleth, um noch ein wenig beim Sport zu bleiben, gelangte in der Saison 1992/93 zu großer Blüte, als seine Herren-Fußballabteilung in die Bezirksklasse aufstieg. Dies gelang der Mannschaft vor allem dadurch, dass der Spielobmann seiner Truppe im Falle eines Sieges zehn 50-Liter Fässer Bier versprach und der Trainer dann eigentlich zum allgemeinen Amüsement die etwa 35 km lange Strecke von Großenmeer aus zu seinem Haus in der Nähe von Bookholzberg joggen wollte. „Das war Anreiz genug, um eine Serie von 13:1 Punkten in den letzten sieben Punktspielen hinzulegen“, heißt es auf der Seite des Vereins; die im Vorfeld großspurig verkündeten Belohnungen wurden nach dem Sieg jedoch teilweise wieder relativiert: Die Biermenge wurde reduziert und die Spieler „wollten dem Trainer allerdings die Strapazen eines 35-km-Laufs nicht zumuten und erklären sich einverstanden, daß er von Großenmeer nach Elsfleth joggte und die restliche Strecke mit dem Fahrrad fuhr.“ Immerhin begleitete die feuchtfröhliche Mannschaft „die To(rt)ur in einem großen, geschmückten Viehanhänger, der von einem Traktor gezogen wurde, und feierte ein weiteres Mal die Meisterschaft.“

Feiern, Bier und Fröhlichkeit – endlich zeigen sich auch die lebensbejahenden Seiten der Ortschaft. Mit diesem zufriedenstellenden Gedanken surfen wir munter wieder Richtung Ortsausgang und gönnen uns noch einen entspannten Abschiedskaffee beim Reifenfachhandel Röben (wo auch sonst), der überschwänglich und mit drei Ausrufezeichen dazu einlädt: „Eines hat sich jedoch nie geändert, die familiäre Atmosphäre, die Freundlichkeit gegen jedermann und für alle zuerst einmal eine Tasse Kaffee, wo gibt es das heute noch!!!“

Zur letzten Folge von „Online durchs Umland“ geht es hier, „Unterwegs in Haarenstroth“,  zur ersten Folge hier: „Unterwegs in Wüsting“.

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Geboren 1983 in Oldenburg, lebt aber derzeit in Mannheim. Malt hauptberuflich für Verlage, Unternehmen, Zeitungen und Agenturen. Für den Lokalteil zeichnet er die Serie „Cartoons über Oldenburg“, die auch in Buchform erschienen ist, ab und zu schreibt er auch mal was.

1 Kommentar

  • Großenmeer hat es sogar einmal in die große Politik geschafft. Das war irgendwann im 19. Jahrhundert, als noch Fürst Bismarck (unter dem, wie erinnerlich, Wilhelm I. Kaiser war. Der Witz ist nicht von mir, sondern eben von diesem, Kaiser Wilhelm I. nämlich)regierte. Damals dichtete der “Kladderadatsch”: “Und Fürst Bismarck seufzet schwer:// Ach wär ich doch in Großenmeer!// Fern von Windthorst, fern von Richtern,// fern von allen Bösewichtern,// dorten, wo mich Niemand quält,// wo man mich EINSTIMMIG wählt,// dort,wo Milch und Honig fließt:// Großenmeer, sei mir gegrüßt!” Kenner der Bismarck-Biographie, vor allem in Jever, werden mir zustimmen, wenn ich sage, dass diese Verse voller zutreffender Anspielungen steckt, was ich hier aber nicht näher erläutern kann. Großenmeer gehört übrigens nach meiner Erinnerung zu den Kirchengemeinden, die im Dritten Reich auf einen Pfarrer verzichteten.

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