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| 22. April 2013 10:09 | 2 Kommentare
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Über Tage stand Boston im Mittelpunkt des weltweiten Medieninteresses. Jannek Zechner, Oldenburger Gitarrist und Student am Berklee College of Music, verbrachte dort eine Woche im Ausnahmezustand.

Abgeriegelt: Die Straße vor Zechners Universität wird von der Polizei gesperrt. FOTO: privat

Abgeriegelt: Die Straße vor Zechners Universität wird von der Polizei gesperrt. FOTO: privat

Als ausländischer Student in den USA hat man mehrere Möglichkeiten, wenn im eigenen Stadtteil eine Bombe explodiert und dabei Menschen umkommen. Man kann so weitermachen, als sei nichts geschehen. Man kann eilends das nächste Flugzeug Richtung Heimat besteigen, um bloß aus der Gefahrenzone zu kommen. Oder man verbarrikadiert sich zu Hause, macht den Fernseher an und wartet auf Neuigkeiten.

Für letzteres hat sich Jannek Zechner, 19, Gitarrist aus Oldenburg, entschieden. Zuletzt nicht ganz freiwillig, denn während der Suche nach den Attentätern in Boston unterlag er mit seinen Kommilitonen einer Ausgangssperre. Zechner studiert dank tatkräftiger Unterstützung vieler Oldenburger seit 2012 am Berklee College of Music (der Lokalteil berichtete). Die Hochschule hat ihren Sitz in der Bostoner Boylston Street  eben der Straße, an der während des Boston-Marathons am vergangenen Montag zwei Bomben explodierten, dabei drei Menschen töteten und viele Dutzend teils schwer verletzten. Auch Zechner hätte am Patriots’ Day in Massachusetts eigentlich an die Marathon-Strecke gewollt, um die Läufer zu sehen. “Ich bin dann aber zu Hause geblieben, um zu lernen”, erzählt er jetzt am Telefon. “Ich weiß nicht, ob ich zur Ziellinie gegangen wäre, aber ich wollte dorthin.” Von seinem Fenster aus kann er das Gebäude sehen, vor dem eine der Bomben zündete. “Es war ein komisches Gefühl, das plötzlich in den News zu sehen.” Seine Familie und viele Bekannte aus Oldenburg meldeten sich rasch bei ihm; erkundigten sich nach seinem Wohlbefinden.

Zechner vor seinem Appartment in Boston. BILD: privat

Zechner vor seinem Appartement in Boston. BILD: privat

Was ist das für eine Gegend, die nach den Anschlägen tagelang paralysiert wurde? Als Ostküstenstadt sei Boston viel europäischer geprägt als etwa Los Angeles, meint Zechner. “An meinem ersten Abend hier hat mich das sehr an Hamburg erinnert.” Er selbst lebt in einem ruhig gelegenen Appartement eines kleinen Hauses mit Gärtchen, etwa zwei Kilometer vom Anschlagsort entfernt. Viele Kreative sind in der Umgebung ansässig. Künstler, Fotografen und Filmschulen ballen sich in Boston, Musiker besuchen zwei Konservatorien. Auch die Boston Symphony Hall liegt unweit des College. Von Zechners Freunden erlitt nur einer eine Schnittwunde, als er bei einer Explosion von einem Schrapnellteil getroffen wurde.

Die meisten seiner Mitstudenten hätten einen Schock erlitten. Sie hätten sich in ihren Wohnungen eingeschlossen und nicht mehr hinausgetraut.  Dabei sei es bis zur Ausgangssperre in der Nacht zum Freitag durchaus erlaubt gewesen, sich auf den Straßen außerhalb des Tatorts aufzuhalten. Ihren Schrecken versuchten die vollvernetzten Studierenden mit Kommunikation zu vertreiben. Auf allen Kanälen wurden beinahe rund um die Uhr Bilder und Informationen ausgetauscht: per Facebook, Twitter, E-Mail, Skype und Messenger-Apps. Fotos abgetrennter Gliedmaßen und menschenleerer Straßen kursierten. Die Reaktionen waren durchaus unterschiedlich. Die Einheimischen wären eher in Panik geraten, so Zechners Eindruck. Ausländische Kommilitonen hätten dagegen etwas gelassener mit der schwierigen Situation umgehen können. Ein israelischer Bekannter sei gänzlich unbeeindruckt gewesen, Anschläge mit Bomben sei er aus seinem Land gewohnt. Positiv aufgefallen ist Jannek Zechner der ungeheure Zusammenhalt, den er in den folgenden Tagen in der Gemeinschaft seines Colleges erlebte. Eine Dozentin habe ihren Studierenden gar angeboten, in ihr Strandhaus außerhalb von Boston zu kommen. “Ich koche für euch”, zitiert Zechner aus einer ihrer E-Mails. Auch die etwa eintägige Ausgangssperre, die in der Stadt während der Jagd auf einen der beiden Tatverdächtigen verhängt wurde, habe sich in diesem Gemeinsinn gut durchstehen lassen.

Von den vielen Sicherheitskräften hätten sich seine Mitbewohnerinnen und er beschützt gefühlt. Und doch: “Der hätte in meinem Garten sitzen können, das war das Gefährliche daran.” Umso gelöster sei die Stimmung dann nach der Festnahme des zweiten Tatverdächtigen gewesen.

Nachdem der Mann in einem Vorort festgenommen und die Ausgangssperre aufgehoben wurde, findet Boston zumindest oberflächlich schnell zum Alltag zurück. Ab diesem Montag ist das College wieder geöffnet, denn nach der tagelangen Schließung ist viel Arbeit nachzuholen. Und doch hat der Anschlag Spuren zumindest in den Köpfen der Studierenden hinterlassen. Zechners mexikanische Mitbewohnerin will in den nächsten Tagen mit dem Fahrrad statt der U-Bahn zum College fahren. Die Menschenmassen sind ihr noch nicht geheuer.

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studiert Geschichte und Politik-Wirtschaft an der Universität Oldenburg.

2 Kommentare

  • hey ewhre my post just now go?

  • Oldenburger Lokalteil – am Puls der Zeit – NOT

    Mir ist es egal was in den USA passiert. Bei dem Kasperverein weiss eh keiner mehr, was real oder inszeniert ist.

    Mal wieder hat die Maschinerie “USA” zu 100% funktioniert. Mir tut es nur um die Opfer Leid, welche für das kranke System “We are the Police of Freedom” ihr Leben lassen mussten.

    Wie sagte man schon in den 70´gern – AMI GO HOME – ich kann den Driss nicht mehr lesen…

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