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| 22. März 2013 06:00 | 1 Kommentar
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An der Waldschule in Hatten halten Tabletcomputer Einzug in die Klassenzimmer. Damit wird Papier gespart – und als Nebeneffekt, wenn’s gut läuft, auch Medienkompetenz vermittelt.

Lösung auf einen Klick, äh, Fingertipp: Matheunterricht mit Tablet. FOTO: mno

Lösung auf einen Klick, äh, Fingertipp: Matheunterricht mit Tablet. FOTO: mno

 

Eine kleine, herkömmliche Tafel hängt noch im Klassenzimmer; etwas verschämt in der Ecke; sie dient wohl als Backup, falls die Technik mal versagen sollte. Den zentralen Platz an der Wand nimmt ein Whiteboard ein, das Tafelbild wird durch einen Beamer erzeugt, der wiederum an einem Notebook hängt – und auch die Schüler der Klasse 8aR der Waldschule Hatten im niedersächsischen Landkreis Oldenburg arbeiten nur noch selten mit Heft und Füller. Jeder einzelne hat ein Tablet vor sich, auf dem die Aufgaben gelöst werden. Federmappen, Ringblöcke und Bücher sind hier weitgehend überflüssig geworden.

Hans-Gerd Cordes gibt gerade Matheunterricht und lässt seine Schüler einen Test, nun ja, „schreiben“. Es geht um Zinsrechnung, und die Aufgaben der herangezogenen Internet-Lernplattform bieten mehrere Antwortmöglichkeiten, von denen nur eine richtig ist. Raten hilft den Schülern freilich nicht, sie müssen auch den richtigen Lösungsweg nennen – ganz altmodisch mündlich. Das funktioniert, wenngleich Cordes einräumt, dass der Digitalunterricht im Bereich Mathe noch verbesserungswürdig sei – es fehle an brauchbaren Apps.

Am Ende der Stunde fasst einer der Schüler die Ergebnisse in einer Präsentation zusammen, die er nebenbei erstellt hat, das Ganze wird auf den Schulserver hochgeladen. Früher wurde einfach die Tafel abgewischt, sagt Klassenlehrer Eyk Franz – heute lassen sich die Unterrichtsergebnisse archivieren und jederzeit wieder aufrufen. Nur einer der Vorteile des digitalen Unterrichts; ein anderer ist ganz offensichtlich: Die Schüler müssen keinen Atlas mehr zur Schule schleppen, wenn Erdkunde auf dem Stundenplan steht. Das Tablet macht’s möglich. Er habe sein Papieraufkommen um 80 Prozent reduziert, sagt Franz. Klassenarbeiten werden allerdings noch auf die herkömmliche Weise geschrieben; die Vielzahl Möglichkeiten, via Netz vorzusagen, wäre kaum zu kontrollieren.

In der Schule gibt es bereits mehrere Notebook-Klassen, allerdings seien Tablets wegen der unkomplizierten Bedienung besser geeignet, findet Medienpädagoge Andreas Hofmann. Der schon beinahe etwas futuristisch anmutende Unterricht hat seinen Preis: Die Eltern lassen sich die Anschaffung der Geräte 18 Euro im Monat kosten, drei Jahre lang. Ein Teil des Geldes fließt in einen Sozialfonds, mit dem einkommensschwächere Familien bei der Anschaffung unterstützt werden. Anderswo, sagt Franz, werde die Anschaffung eines wissenschaftlichen Taschenrechners vorausgesetzt – der koste auch schon 150 Euro, und lege man etwa nochmal dieselbe Summe drauf, bekomme man bereits ein Tablet, das viel mehr Möglichkeiten biete. Und die entsprechende App, die den Taschenrechner ersetzt, müssen man gerade einmal 79 Cent auf den virtuellen Ladentisch legen.

Die allermeisten Eltern freuen sich über das Angebot, sagt Hofmann – wohl auch nicht zuletzt deshalb, weil viele wenig Einblick darin haben, was ihre Kinder den lieben langen Tag mit diesen Geräten tun. In der Schule lässt sich das Internetverhalten in den Unterricht einbetten, die Schüler können etwa bei Fragen schnell reagieren und eine Onlinerecherche durchführen – und bei dieser Gelegenheit lassen sich auch gleich die damit verbundenen Fallstricke thematisieren: Wie googlet man richtig? Warum landet man fast immer bei der Wikipedia – und wie weit kann man der eigentlich trauen? Dem Lehrer biete sich die Möglichkeit zu erklären, weshalb das Onlinelexikon so oft unter den ersten Treffern zu finden ist, wie es strukturiert ist, wie Suchmaschinen arbeiten. Der normale Unterricht erhält damit eine Komponente Medienkompetenz.

Das erfordert andererseits entsprechende Kenntnisse, und das ist vielleicht kein regelrechter Nachteil, aber wohl das größte Hindernis des tabletgestützten Unterrichts: der hohe Schulungs- und Qualifizierungsbedarf der Lehrkräfte. Außerdem mangele es noch an brauchbarem Lehrmaterial seitens der Verlage: Was die derzeit zu bieten hätten, seien „im Wesentlichen Schulbücher als PDF“, klagt Franz. Aber daran werde in Zukunft hoffentlich etwas ändern: „Man kann nicht mit den Methoden von gestern die Jugend von heute auf das Morgen vorbereiten.“ Das Interesse ist groß, sagt Hofmann – eine ganze Reihe von Schulen zeige sich interessiert an dieser Lernform, in und um Oldenburg seien es schon um die zehn Institutionen, die sich deren Einführung vorstellen können.

Die ständige Verfügbarkeit von Internetangeboten oder Spielen könnte sich als Problem erweisen, aber nicht unbedingt als neues, meint Franz: Manche Schüler lassen sich eben leichter vom Unterricht ablenken als andere, das war schon vor den Tablets so, damals habe man eben „Schiffe versenken“ gespielt. Auch in diesem Punkt sind die Lehrer gefordert. Hofmann ergänzt, dass das ohnehin kein explizites Schülerverhalten sei – auch Erwachsene verdaddeln einen Teil ihrer Arbeitszeit in der Onlinewelt; die Hauptsache sei doch in Berufs- wie im Schulleben, dass die Arbeiten bis zum Stichtag erledigt seien. Und was ist mit dem Abschreiben von Hausaufgaben? Ja nun, sagt Hofmann, das hat man früher im Bus gemacht, geht digital nur schneller. Und manche Dinge bleiben eh, wie sie immer waren: Denn natürlich ist es auch mit Tablet möglich, Hausaufgaben schlicht und einfach zu vergessen. Nur die klassische Ausrede mit dem Hund, der sie gefressen hat – die funktioniert nicht mehr.

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Journalist und Mitbegründer des Lokalteils, Erfinder des Ratssitzungs-Livetickers und Politik-, Medienwatch- und Umfragebeauftragter. Austritt aus dem Redaktionsteam im September 2013.
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1 Kommentar

  • Super Sache. Es ist eh nicht zu verhindern, dass die Kinder früher oder später ein Tablet haben wollen, umso besser, wenn sie gleich in der Schule den richtigen Umgang damit lernen. Viele Eltern stekcen in der modernen Technik selbst nicht so richtig drin. Deswegen ist wichtig, dass die Schule dies auffangen kann. Bei der schnellen Entwicklung der Technik, kann man einach nicht von den Eltern erwarten, dass die zum IT-Experten werden müssen, um ihre Kinder auf die Zukunft vorbereiten zu können.

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