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| 3. Januar 2013 06:00 | 12 Kommentare
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Rüdiger Hartmann ist Konditor aus Oldenburg und in seiner Freizeit Laiendarsteller. Jetzt spielte er in Folge 588 der Scripted-Reality “Familien im Brennpunkt” auf RTL mit. Filmemacher und Lokalteil-Autor Amon Thein mochte das nicht wahrhaben und traf sich mit ihm zum Interview. 

Rüdiger, um ganz ehrlich zu sein: Ich halte Scripted-Reality-Formate wie “Familien im Brennpunkt” für den Untergang des Abendlandes – mindestens. Wie bist du bloß auf die Idee gekommen, dich auf so ein Format zu bewerben?

Ach, das weiß ich doch, Amon! Das kam so: Ich habe damals bei “Das perfekte Dinner” auf VOX mitgemacht. Eine Frau, die da mitgedreht hat, sagte mir, ich solle mich mal bei der Castingagentur “filmpool” bewerben. Das hab ich dann gemacht und alles hat seinen Lauf genommen. Ich habe mich da auch gar nicht speziell auf „Familien im Brennpunkt“ gemeldet, ich habe ziemlich viel angekreuzt. Dann habe ich mir diese Formate natürlich auch mal angeschaut, „K11“, „Berlin Tag und Nacht“ und so, ich guck das ja selber sonst nicht. Das ist doch Hartz IV-TV. Und als ich das sah, sagte ich mir: “Oh Gott, jetzt haste dich da auch noch angemeldet …”

Wie läuft das denn so? Du bekommst eine Zusage und wirst zum Casting eingeladen?

Ja, genau so. Vor der Kamera hast Du dann fünf kurze Minuten, um alles zu zeigen. Du sollst den Bedröppelten spielen, den Wütenden und den Traurigen, so in einem, direkt durch. Das hat ganz gut geklappt. Dann sagte jemand, das ich bestanden hätte und das man sich in drei Monaten wieder melden würde.  Und auf den Tag genau kam das Angebot: sie hätten jetzt eine Filmrolle für mich – Hauptrolle haben sie sogar gesagt! Ich wollte aber natürlich, dass das alles genau zu mir passt – das war’s in diesem Fall aber noch nicht. Deshalb habe ich erstmal gesagt, ich hätte keine Zeit. Ich dachte mir, dass die sich dann sicher nicht mehr melden – aber wieder drei Wochen später haben sie nochmal gefragt, ob ich denn Zeit hätte, im September. Ich sollte vier Tage in Köln drehen. Mach ich, dachte ich mir. Hotel und Fahrt haben die auch bezahlt …

Gucken Sie bitte mal erstaunt! FOTO: AT

Gucken Sie bitte mal erstaunt! FOTO: AT

Gab es denn ein vernünftiges Honorar?

Ja, das war so eine kleine Aufwandsentschädigung und dann 80 Euro pro Tag. Das ist doch vernünftig, oder?

Nein, absolut nicht! Das ist so günstig produziert alles, die Produktionsfirma und der Sender verdienen richtig schön Geld damit.

Naja, ich bin ja auch Anfänger. Sie haben auch direkt von Beginn an gesagt, dass man keine hohen Erwartungen haben solle, das sei nur ein Taschengeld. Ich kann doch da keine großen Summen verlangen als Laie.

Aber Du wurdest hoffentlich wenigstens hofiert, mit hübschem Hotel?

Ja, ich war positiv überrascht! Das Hotel hatte vier Sterne – ich hatte eher so eine Absteige erwartet, mit einem kleinen Bett drin. Aber das Hotel war echt nett, mit allem Drum und Dran.

Wie läuft denn der Dreh ab?

Ich habe meine Klamotten mitgebracht, die sie dann sortiert haben, abhängig davon, was sie so in der Sendung haben wollten. Morgens wurde ich am Hotel abgeholt, dann fuhren wir ans Set. Ich musste mich umziehen und wurde fertiggemacht für den ersten Dreh. Man hat mich da hin- und herkutschiert, den ganzen Tag, von Drehort zu Drehort. Man hat 25 Szenen in einer Folge dieser Sendung, aber die werden nicht chronologisch gedreht, sondern durcheinander. Also erst Szene 23, dann Szene 16 und so weiter … das war echt schwer, sich da reinzufinden. Erst das Ende drehen, und dann irgendwas vom Anfang.

Seien Sie bitte mal fröhlich! FOTO: AT

Seien Sie bitte mal fröhlich! FOTO: AT

Es gibt keine professionellen Schauspieler am Set, oder? Wie ist die Zusammenarbeit mit den anderen Laiendarstellern, habt ihr überhaupt Zeit, miteinander zu proben?

Also, ich hatte kein Problem mit den ganzen Leuten. Das hat sogar richtig Spaß gemacht. Es gab da zwar welche, die das als Trittbrett für Größeres sehen  – aber da habe ich dann gesagt: Was willst du denn hier, das ist Hartz IV-TV! Da kann man nicht viel verlangen, das kann man nur als Hobby sehen. Aber da war auch einer, der war unheimlich fixiert darauf, Profi-Schauspieler zu werden. Da hab ich ehrlich gesagt: Du, da bist du hier an der falschen Adresse!

Was hat er dazu gesagt?

Nein, er schaffe das schon, hat er beteuert  Und beim Dreh lief es dann echt gut – aber er wollte die Szenen dann nochmal drehen, und nochmal. Er hätte das nicht so gut gemacht, ob er das nochmal machen dürfe, jetzt noch besser …

Gibt’s so viel Zeit am Drehort? Hat er die Chance bekommen?

Nein. War ja in Ordnung so.

Da ist dann wahrscheinlich schon ein Produktionsdruck da – hattest Du denn genug Zeit, um dich vorzubereiten?

Druck schon – aber ich persönlich hatte zumindest kein Stressgefühl. Entweder ist es im Kasten, oder eben nicht. Man kann ja gar nicht davon ausgehen, dass es gleich beim zweiten Mal drin ist. Ich glaube aber, ich war ganz gut. Ich hab ja auch so ein bisschen Erfahrung mitgenommen vom “perfekten Dinner”, da hatte ich ja schon mitgekriegt, wie das abläuft: Nicht in die Kamera gucken, das Wichtigste auf den Punkt bringen.

Du hast zu Beginn angedeutet, dass du dir solche Sendungen nicht anschaust. Was hältst du von dieser Art Fernsehunterhaltung?

Manchmal denke ich, dass es eine echte Verarsche ist. Das ist alles so übertrieben, so gestellt! Ich habe mir das dann hinterher auch angeguckt. Die reden auch immer so, als würden sie es gerade ablesen. Es ist auch nicht einfach, das zu spielen – weiß ich ja aus eigener Erfahrung. Ich hatte auch ein schlechtes Gefühl damals, dahin zu fahren, zu “Familien im Brennpunkt”. Im Endeffekt war’s gar nicht so schlimm. Es gibt da aber andere Formate, “Mitten im Leben” zum Beispiel, das kommt morgens immer. Das ist man dann so fassungslos, dass man das einfach bis zum Ende gucken muss. Solche Sendungen sind schon unterste Schublade.

So, und jetzt mal bedröppelt, bitte. FOTO: AT

So, und jetzt mal bedröppelt, bitte. FOTO: AT

Es steht zwar immer im Abspann, das alles gestellt ist – der dauert aber nur gefühlte vier Sekunden. Glaubst Du, dass Zuschauer solche Sendungen für  echte Dokus halten könnten?

Ich bin mir da nicht mehr sicher. Also am Anfang habe ich gedacht: Ja! Es gibt sicher viele, die das für die Wahrheit halten. Aber allmählich kann ich es mir gar nicht mehr vorstellen, wer soll denn so einen Unsinn glauben? Da war eine beim Dreh mit dabei, die schreibt genau diese Drehbücher, für Scripted Reality. Die wollte mal sehen, wie das so umgesetzt wird. Ich frage sie also: Warum denkst Du dir sowas aus? Sie guckt nur verlegen. Ich habe sie dann gefragt, ob sie sich dafür nicht schämt. Das sind einfach Geschichten, sagte sie. Sie habe das einfach so aus dem Leben gegriffen.

Aus dem Leben gegriffen? Das wäre ja schrecklich. Allein die Lautstärke: Da ist doch jeder zweite Satz gebrüllt. Wenn ich mit Leuten aus anderen Ländern vorm deutschen Fernsehprogramm sitze, betone ich immer extra, dass das keine deutsche Realität ist. Hat sie dir erzählt, wie sie auf diese Geschichten kommt?

Spontan. Alles spontan. Ich hab sie auch gefragt, ob sie nicht unter Druck sei – schließlich ist sie bei RTL unter Vertrag. Ja, meinte sie, man muss natürlich immer zusehen, dass man was hinkriegt. Sie hat einfach eine Geschichte im Kopf, und dann wird das umgesetzt. Ganz spontan.

Wie waren denn die Reaktionen aus dem Umfeld auf deine Folge “Familien im Brennpunkt”? Hast Du die herumgezeigt?

Also, ich habe mich da weit aus dem Fenster gelehnt, habe vielen von meinen Freunden davon erzählt, auch im Vorfeld. Habe natürlich erst mal viel Ärger gehabt, weil das ja Hartz VI-TV ist und so. Die waren alle skeptisch. Ich sag’s ja, ich habe es anfangs mit Zweifeln durchgezogen und war nachher positiv überrascht, auch von dem, was ich dann in der Sendung gesehen habe. Klar, Hartz IV-TV, aber ich hatte es mir schlimmer vorgestellt.

Tun Sie bitte mal so, als würden Sie mit jemandem reden! FOTO: AT

Tun Sie bitte mal so, als würden Sie mit jemandem reden! FOTO: AT

Und wenn das die öffentlich rechtlichen Sender produzieren würden, würdest Du dann noch mit gutem Gewissen deine Gebührengelder zahlen?

Wenn man es nicht als Abendsendung nimmt, könnte man das doch durchgehen lassen! Um die Mittagszeit gucken ja eh nicht viele, das geht schon. Außerdem gibt es ja auch Unterschiede zwischen Asi- und Hartz IV-TV…

Ach, es gibt Unterschiede zwischen ‘Asi-‘ und ‘Hartz IV-TV’? 

Echt wahr – da machen die Drehteams selber Unterteilungen! Ich sagte irgendwann am Set mal den Satz “‘Mitten im Leben’ ist doch auch so eine Sendung …”, da haben die mich gleich unterbrochen und heftig wiedersprochen. Die waren richtig böse. “Mitten im Leben” sei Asi-TV, haben sie gesagt, “Familien im Brennpunkt” sei Hartz IV-TV…

Das klingt nach einem absurdem Ranking. Hartz IV-TV ist hochwertiger als Asi-TV?

Das ist genauso wie mit dem “Perfekten Dinner” von VOX damals. Ich sagte da vor Ort, dass ich bei der Sendung “Frauentausch” auf RTL II auch gerne mal mitmachen würde. Das drehen wir nicht, sagte die Redakteurin, das ist unterste Schublade. Die Frauentausch-Drehteams sollen den Kindern am Set sogar Geld geben, damit da wirklich rumsauen und provozieren. So trennt sich das …

Also, ganz ehrlich, ich kann da keinen Unterschied erkennen. Alles zusammen nennt man doch schlicht Unterschichtenfernsehen, oder nicht? Es gibt vielleicht Unterschiede in der Art, wie mit den Protagonisten umgesprungen wird. Ein Kollege, der Frauentausch drehen musste, erzählte mir mal, das da eine Familie direkt vom Drehort in die Klapse gewandert ist … da wird über die Woche, die die da drehen, psychischer Druck aufgebaut.

Doch, klar – die reden doch ganz anders. So richtig asig. Immer auf Krawall: “Was willste, äh?!” Das musst du dir mal angucken, wirklich. Die machen sich ja auch mal nackig – und wie die dann aussehen … Ich würde mich vor der Kamera nie so ausziehen. Und dann wird nachher alles negativ dargestellt: Deine Wampe hängt da runter, zu kurzes T-Shirt, Fetthaare und so. Das würde ich nicht machen. Auf keinen Fall. Dann lieber Bäcker!

Was willst du als nächstes machen?

Mit dem Filmedrehen? Ach, das lass ich alles auf mich zukommen. Ist ja nur Hobby. Ich bleib erst mal Bäcker, Konditor. Und wenn jetzt nochmal jemand anrufen würde und mich fragt, wäre ich wohl wieder dabei. Nur nicht bei „Mitten im Leben“, das würde ich nicht drehen. Also Hartz IV-TV ja, aber Asi-TV nein. Den Unterschied kenne ich jetzt.

Rüdiger, Danke für das Gespräch!

Die komplette Folge “Familien im Brennpunkt” mit Rüdiger Hartmann hätte noch bis 5. Januar 2013 hier abrufbar sein sollen, wird aber von RTL auf der entsprechenden Seite nicht gelistet. Die Gründe dafür kennen wir nicht.

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Amon Thein ist Autor, Regisseur und Produzent einiger Kurzfilme und Dokumentationen. Seit 2005 produziert er Kinowerbung, Doku-, Kurz- und Imagefilme unter dem Label »Schwarzseher Film«.

12 Kommentare

  • avatar Anna -Maria

    Hallo,ganz ehrlich !Ich finde es interessant mal zu lesen wie dieses grausige Fernsehen gemacht wird.Wir haben schön öfter im Freundeskreis über das Thema diskutiert.
    Leider finde ich es schlimm das es Menschen gibt die sich so öffentlich vorführen lassen ,damit die Sender viel Geld verdienen.
    Ich denke das sollte man durch nicht einschalten oder durch bessere Aufklärung verhindern ,was sich diese Produzenten erlauben.Es wirklich nur Menschenverachtend !
    Grundsätzlich steht da ein gewollter Voyeurismus hinter,den die Politik auch sicherlich nicht verkehrt findet,um von unseren Missständen abzulenken.Zeige im Fernsehen wie schlecht und peinlich andere sein können,so das die Menschen die sich so etwas ansehen sich ein wenig besser fühlen.
    Alleine die Tatsache was für Menschen da teilweise ausgesucht werden.Können kein richtiges Deutschs sprechen,ungepflegt ,keine Zähne im Mund etc.Wirklich wie früher auf dem Jahrmarkt ‘eine Freak-Vorführung.
    Nun die Frage die mir Sorgen macht.Das sehen Kinder ,ist das wirklich gut?
    Nun noch ein anderer Gedanke.Was wäre wenn es diese Art von Fernsehen nicht gebe!
    Vermute mal ganz stark.das wir längst Ausschreitungen hätten,weil die Menschen mehr Zeit hätten sich mit sich selber zu beschäftigen .Deshalb bin ich der Meinung ,das dieses von der Politik gewollt ist um diese benachteiligten Menschen ruhig zu halten.(gib dem Volk Brot und Spiele)!!!

  • avatar [gelöscht]

    [Auch im neuen Jahr gilt: keine Beleidigungen! Die Red.]

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      [Dieser Kommentator hat uns, nachdem wir ihn gebeten haben, einen weniger aggressiven Umgangston anzuschlagen, aufgefordert, all seine Kommentare zu löschen. Dem kommen wir hiermit nach. Die Red]

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      [Dieser Kommentator hat uns, nachdem wir ihn gebeten haben, einen weniger aggressiven Umgangston anzuschlagen, aufgefordert, all seine Kommentare zu löschen. Dem kommen wir hiermit nach. Die Red]

      • Für interessierte Mitlesende: In der erwähnten E-mail hatten wir eingeräumt, dass die Kommentarlöschung (mit der der im Kommentar attackierte Lokalteilredakteur nichts zu tun hatte) tatsächlich eine Überreaktion war; zugleich haben wir Herrn Lorenzen-Pranger darauf hingewiesen, dass er hier schon öfter verbal über die Stränge geschlagen hat und ihn gebeten, einen weniger aggressiven Stil an den Tag zu legen.

        Wir wollten die Auseinandersetzung nicht in die Öffentlichkeit zerren, aber der vorangegangene Kommentar erfordert diesen Hinweis. Die Red.

        • avatar [gelöscht]

          [Dieser Kommentator hat uns, nachdem wir ihn gebeten haben, einen weniger aggressiven Umgangston anzuschlagen, aufgefordert, all seine Kommentare zu löschen. Dem kommen wir hiermit nach. Die Red]

  • Schon interessant, diese feinen differenzierungen!

  • Naja die TV-Verdummung scheint ja zu wirken…
    hier wird fröhlich von Asi- TV und Hartz-IV TV erzählt-
    ohne zu hinterfragen was das denn bedeuten soll…

    Alles läuft schön in den Bertelsmann Sendern (RTL,Vox, RTL II) und erzeugt die Vorurteile, die man für einen weiteren Sozialstaatsabbau braucht…
    Das die Bertelsmann Stiftung praktisch selbst die Hartz-Gesetze entworfen hat, um den Umbau vom Sozialstaat zum Wohlfahrtsstaat voranzutreiben, erzeugt dabei nur noch ein müdes Achselzucken…

    Naja vielleicht liefert der Konditor ja seine Backreste wenigstens an die Tafel, ach nee die beliefert ja Aldi und Lidl und sparen sich so auch noch Lebensmittelentsorgungskosten…

  • Jetzt mweiß ich, was ich im Leben versäumt habe, einfach am total einfach “so” sein. Ich werde mich morgen anmelden.
    Dabei habe ich in 8 Jahren Jobs auf dem Bau und im Hafen immer in den Pausen herumliegende Bild gelesen und darüber mit allen geredet. Ich war so gut, daß mich nie jemand verpügeln wollte. Das müßte doch als Empfehlung reichen.

  • Klasse Interview, auch mal sehr interessant zu hören wie dort gearbeitet wird und wie die Beschäftigten selber über Ihre Werke denken. Mehr Aufklärung ! Vielleicht hilft das ja, das deutsche Fernsehprogramm wieder mit Niveau auszustatten.

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