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| 13. September 2012 06:00 | Kommentare deaktiviert für Starker Einstand
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Oh, boy: Mit einem wirklich sehenswerten Film startet die 19. Auflage des Oldenburger Filmfests.

Kein Filmpalast, aber immerhin schön groß: Die EWE-.Arena. FOTO:mno

Kein Filmpalast, aber immerhin schön groß: Die EWE-.Arena. FOTO:mno

“Höchste Zeit, dass es wieder losgeht”, sagte der Kellner gegen Ende des Filmfesttrailers in die Kamera. Das mag sich auch manch ein Besucher der Eröffnungsgala gedacht haben, während des tröpfchenweisen Eintreffens der Stargäste am leicht schraddelig wirkenden roten Teppich vor der EWE-Arena, während des Wartens im Frittendunst der im Wesentlichen für Sportfans ausgelegten Foyergastronomie, während all der unvermeidlichen, aber aus naheliegenden Gründen nötigen Begrüßungs- und Dankesworte. Einige der “besten Independentfilme der Welt” seien zu sehen, schwärmte der Kulturdezernent des US-Konsulats in Hamburg, Stefan Heumann; “Ein Kulturhighlight, um das uns größere Städte beneiden”, sagte ein Oberbürgermeister Gerd Schwandner, der sich nach einem medizinischen Eingriff an Krücken zum Rednerpult schleppte. Alles wenig überraschend, gehört halt dazu, war wohl auch als Statement zu den jüngsten Querelen um das Festival zu verstehen. Dann ging es los, das 19. Oldenburger Filmfest. Und es startete furios.

“Oh Boy”, das in der Independent-Reihe laufende Erstlingswerk des Filmemachers Jan-Ole Gerster, stand auf dem Programm. Ein Streifen, der die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, den viele wohl als Losertypen bezeichnen würden und der einen ziemlich langen, reichlich merkwürdigen und schmerzhaft kaffeelosen Tag in Berlin verlebt, an dem er Dinge ausbaden muss, die er sich selbst eingebrockt, und mit Schicksalen zugeschmissen wird, um die er nicht unbedingt gebeten hat. Er trifft schräge Figuren, wird beim Idiotentest niedergemacht und muss sich die Handlung einer klischeebeladenen Schmonzette anhören: “Das Ganze beruht doch hoffentlich auf einer wahren Begebenheit?” – “Ja. Dem Zweiten Weltkrieg halt.” Das Ganze in zeitlos-jazzigem Schwarz-Weiß, das die Handlung vom heutigen Berlin – übrigens eine pittoreske Nebendarstellerin – abkoppelt; und ob man es melancholisch-witzig oder tragikomisch nennen will, bleibt wie bei jedem Schubladendenken dem Betrachter überlassen.

Der Vergleich mit Woody Allen liegt nahe, allerdings hört Gerster ihn nicht furchtbar gern. Nicht weil er Allen nicht möge – “Alle lieben Woody Allen”, sagt der 34-Jährige -, sondern weil er hofft, dass sein Film “als etwas Eigenes wahrgenommen” werde. Das ist ihm nach Meinung der wohl meisten Gäste gelungen, vor allem bei denen, die sich an den wenig geglückten letztjährigen Opener erinnern; und der Applaus der rund tausend Premierenbesucher gab nicht nur dem Regisseur und Drehbuchautor Gerster, sondern auch Filmfestchef Torsten Neumann Recht: “Oh Boy” ist ein großartiger und stark besetzter Film, über den man eine Menge erzählen möchte, aber es sich verkneift, um niemandem den Spaß zu verderben; ein Film, der sich wie nur wenige andere eignet, ein Festival zu eröffnen und Lust auf mehr zu machen.

 

“Oh Boy”, Deutschland 2012, Kinostart 1. November

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Journalist und Mitbegründer des Lokalteils, Erfinder des Ratssitzungs-Livetickers und Politik-, Medienwatch- und Umfragebeauftragter. Austritt aus dem Redaktionsteam im September 2013.
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