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| 30. März 2012 17:02 | 4 Kommentare
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In Emden ist ein elfjähriges Mädchen ermordet worden – Medien in ganz Deutschland berichten über den Fall und die Ermittlungen der Polizei. Am Dienstag war ein junger Mann unter “dringendem Tatverdacht” verhaftet und am Donnerstag wieder freigelassen worden, nachdem sich seine Unschuld herausgestellt hat. Dazwischen hatten sich im Internet und im realen Leben hässliche Dinge ereignet, wie die NWZ entrüstet berichtet – ein wenig doppelmoralisch allerdings.

Als auf der Facebookseite “Emden Ostfriesland” die Verhaftung des Tatverdächtigen vermeldet wurde, setzte manch krawalljournalismusverdorbener Nutzer dies offenbar automatisch mit dessen Schuld gleich. Andere packten die Fackeln und Mistforken aus: “Hoffentlich ist es der Richtige! Name, wir brauchen einen Namen!!!” geiferte die eine; “Der hat Glück wenn die Polizei ihn schnappt … Ostfriesen regeln sowas anders!”, gab sich jemand anderes als Aushilfs-Charles-Bronson. Natürlich durfte auch die obligatorische Forderung nach der Todesstrafe nicht fehlen – so weit, so typisch für den Bodensatz der Social-Network-Proleten. Dass da noch ein weiterer unschuldiger Junge aufgrund einer falschen Namensnennung ins Visier des Onlinemobs geriet, verwundert nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht weiter – eher schon der öffentliche Aufruf eines Mannes zur Lynchjustiz, der offenbar allen Ernstes dazu führte, dass sich tatsächlich etwa 50 Menschen bis spät in die Nacht vor der Polizeiwache versammelt und die “Herausgabe” des Verdächtigen gefordert hatten.

Über derartige Auswüchse berichtet die NWZ in einem recht ausführlichen Artikel. Und kritisiert die entfesselte Eigendynamik bei diesen Ereignissen, an der – natürlich – dieses “Internet” schuld sei: “Doch das Internet zeigt sich in diesen Tagen auch von einer ganz anderen Seite. Nur Minuten nachdem die Polizei einen 17-jährigen Emder Berufsschüler unter dringendem Tatverdacht verhaftet hat, berichtet ein Zuschauer quasi live im Netz darüber. Er nennt dabei Namen und Anschrift des Verhafteten.” Ohne Frage ein hochgradig verantwortungsloses Verhalten. Aber wie hatte die NWZ selbst in den Tagen zwischen Festnahme und Freilassung des unschuldigen Teenagers berichtet?

In der Donnerstagsausgabe hatte das Blatt, das eigens ein Online-Spezial mit dem Titel “Mädchenmord in Emden” eingerichtet hat, die Festnahme des 17-Jährigen vermeldet und schon mal vorsorglich den Stadtteil genannt, in dem der Junge lebt. In einem anderen, mutmaßlich nur online erschienen Artikel desselben Tages wurde präzisiert, dass es sich um einen Berufsschüler handelt. Dazu gab es zwei Fotogalerien, und zwischendurch wurde fleißig gemutmaßt: “Zuvor soll der 17-Jährige nicht näher bezeichnete sexuelle Handlungen an seinem Opfer verübt haben”, heißt es an einer Stelle. Wohlgemerkt: “der 17-Jährige”, nicht etwa “der unbekannte Täter”. Eine Unschuldsvermutung, zentrale Säule unseres Rechtssystems, klingt anders; immerhin wurde diese an anderer Stelle zumindest erwähnt, nämlich als Zitat des Staatsanwalts Bernard Südbeck.

Vermutlich noch später am Tag – die online verfügbaren Artikel haben keine Uhrzeitangabe – diagnostizierte das Blatt eine “aufgeheizte Stimmung” in der Stadt und sprach davon, dass “im Internet Namen und Adressen kursieren” – um nur wenige Absätze später im selben Artikel (!) folgende Passage zu bringen: “Der junge Mann lebt offenbar mit seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter in einem Mehrfamilienhaus in der …straße [Name von uns unkenntlich gemacht], ganz in der Nähe der Emder Agentur für Arbeit”. Und für den Fall, dass in der genannten Straße mehr als ein Brüderpaar samt Mutter wohnen sollte, wird einige Zeilen weiter unten nochmal präzisiert: “So wohnte der Mann zwar zuletzt in der …straße, zuvor aber, bis zum April 2011, im Innenstadtbereich ganz in der Nähe des Hauses, in dem … [das Opfer, Name von uns entfernt] wohnte.”

Zwei Teenagerjungs, einer davon Berufsschüler, die mit ihrer Mutter zu einem ganz bestimmten Termin aus einem klar umrissenen Gebiet in eine bestimmte Straße gezogen sind, eine Straße, die gerade mal 150 Meter lang und deren höchste Hausnummer laut Telefonbuch 34 ist – die also, kurz gesagt, samt der Zahl ihrer Anlieger recht überschaubar sein dürfte: Man darf sich getrost darauf verlassen, dass die Mundpropaganda den Rest besorgt. Man könnte der NWZ zugute halten, dass kein Name des Verdächtigen genannt wurde, aber man darf wohl bezweifeln, dass das aus einer Position der Zurückhaltung heraus geschah: Wir erinnern uns daran, dass beim Holzklotzwurf von der A29  seinerzeit der Festgenommene – noch vor dem Prozess – nicht nur mit Namen und Bild, sondern auch mit Fotos seines Wohnhauses und einer Straßenkarte, in der es markiert war, im Blatt gezeigt wurde. An die Bitte der Polizei und der Familie, den Namen des ermordeten Mädchens nicht zu nennen, hielt sich die NWZ jedenfalls genauso wenig wie die meisten Medien.

Auch wenn die Zeitung an den Auswüchsen auf Facebook keine Schuld trägt – zur Wogenglättung trägt sie auch nicht unbedingt bei. Die Überschrift des aktuellen Artikels – “Stimmung in Bevölkerung aufgeheizt” – darf man da wohl ebenso als selbsterfüllende Prophezeihung ansehen wie den folgenden Satz aus einem anderen Artikel zum Thema: “Die Folgen der Hetzjagd sind noch gar nicht ganz abzusehen.”

4 Kommentare

  • Guter Artikel!
    Es ist sehr bedenklich, dass immer mehr Medien sich besonders bei der Kriminalberichterstattung dem Bildniveau annähren. Das es die putzigen Regeln der Presseethik gibt, ist vielen Journalisten wohl nicht bekannt. Von rechtsstaatlichen Grundsätzen, Schutz des Persönlichkeitsrechts (sowohl Unschuldiger als Täter) nicht zu reden.

    Noch schlimmer ist nur, dass so viele Leute auch aus dem “bürgerlichen” Bereich auch auf dieses Level sinken. Wenn ich daran denke, dass sie dort erst eine Kerze für das getötete Mädchen anzünden und einige Stunden später wie asozialer Abschaum (man möge die Ausdrucksweise entschuldigen) zu einer Hetzjagd aufrufen, völlig unerheblich, ob es nun “nur” ein Verdächtiger oder der tatsächliche Täter ist, bekomme ich das Grausen.

  • und es wird so weiter gemacht:

    … xxxxxxx x. stammt aus xxxxxxxxxxxxx, soll eine Ausbildung als xxxxxxxxx angestrebt haben, erzählen Bekannte. Zusammen mit anderen Jugendlichen habe er im xxxxxxx betrieben… Bekannte des ehemaligen Hauptschülers beschreiben ihn als aggressiv, er sei häufiger an Prügeleien beteiligt gewesen….

    Leider hat ein Teil der Presse wohl immer noch nicht aus der Geschichte gelernt. Auch örtliche Zeitungen und Medien veröffentlichen das Foto von der Beerdigung, der Sarg des kleinen Mädchens muss ja wohl in die Zeitung, ein Bild von der Grabstelle darf natürlich auch nicht fehlen, die Schleifen mit den Namen der Angehörigen kann man deutlich erkennen.

    Pervers.

    Aber der Leser will das – oder vielleicht doch nur der (Chef-)Redakteur?

  • Auf keinen Fall, möchte ich die Grässlichkeit, eines solchen Mordes relativieren. Es handelt sich um den Gipfel aller verabschlichen Taten, die Menschen anderen Menschen antun können. Das soll aber nicht darüber wegwischen, wie verabscheuenswürdig noch viele andere Verhaltensweisen des Menschens sind:
    Jeden Tag sterben nur in Deutschland ca. 15 Menschen (gerechnet nur innerhalb der ersten 24 Stunden) bei einem Verkehrsunfall.
    In Fukishima werden durch grenzenlose Dummheit und Profitsucht Tausende Menschen Dummheit verstrahlt.
    Die Pharmaindustrie erfindet schamlos Krankheiten, nur um mit Medikamenten an Krankheiten Profite zu sichern.
    Die Medien heizen das Klima einer agressiven Gesellschaftskultur durch Sexualisierung, Egoismuserzeugung, Freiheit = Individualität-Parallelisierung auf, nur um für Verkaufszahlen zu sorgen.
    Ein solcher Mord muss als Bestandteil unserer aggressiven Kultur angesehen werden, und er ist damit so normal wie alle oben beschriebenen Beispiele auch. Aber wir brauchen eben solche Taten, um wegschauen zu können. Wegschauen, wie unerträglich sich die Wohlstandskultur entwickelt hat.

  • ” so weit, so typisch für den Bodensatz der Social-Network-Proleten”

    Das trifft es für mich genau. Eine Tragödie, dass ein junges Leben so beendet wird, das ist unbestritten. Eine Schande aber, wenn dies dann als Bühne für rechtskonservatives Gedankengut und stumpfe Gewaltparolen genutzt wird. Hier zeigt sich nicht nur die Medienwelt (die an sich nicht mehr gescholten werden darf als ihre Nutzer), sondern eben auch Menschen aus dem Umkreis, vielleicht auch Nachbarn und Bekannte von ihrer häßlichen Seite.

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