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| 8. März 2012 06:00 | 4 Kommentare
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Stephan Urbach ist 31 Jahre alt und Netzaktivist. Er unterstützt die Demokratiebewegungen im nahen Osten mit der Bereitstellung von Netzinfrastruktur. Dafür hacken er und seine Kollegen schon mal einen staatlichen Provider. In Oldenburg sprach er darüber, was vom arabischen Frühling bei uns angekommen ist – zumindest beinahe.

War mal bei der Bank: Netzaktivist Stephan Urbach. FOTO: Amon Thein

War mal bei der Bank: Netzaktivist Stephan Urbach. FOTO: Amon Thein

Urbach ist eigentlich gelernter Bankkaufmann, doch das sieht man ihm nicht mehr an. Auf der linken Seite trägt er sein Haar halblang in Grün, auf der rechten ist es kurzrasiert. Der Berliner ist auf Einladung des Vereins “Kreativität trifft Technik” hier, der in Oldenburg unter anderem den Hackerspace verantwortet. Der große Saal des ehemaligen Landtags ist gut gefüllt, das Publikum gemischt.

„Ich bin eigentlich hier, um zu erzählen, was vom arabischen Frühling angekommen ist – aber die Ereignisse der letzten Tage haben mich gezwungen, alles wieder über den Haufen zu werfen“ sagt Urbach gleich zu Beginn, gemeint sind die Ereignisse in der syrischen Stadt Homs, wo das Assad-Regime das eigene Volk bombardiert. Der Aktivist steht im Kontakt mit den Eingeschlossenen, man merkt ihm an, wie sehr ihn die schrecklichen Geschehnisse beschäftigen. Den geplanten Ablauf für seinen Vortrag, das hatte er dem Veranstalter erst 10 Minuten vorher mitgeteilt, kann er deshalb nicht mehr einhalten. Keine Powerpoint-Folien, er weiß einfach nicht genau, was er heute erzählen kann und will.

Aktivismus in Heimarbeit

Urbach ist keiner, der vor Ort delegiert, Verletzte versorgt, der über eine Nichtregierungsorganisation politischen Druck ausübt. Stephan Urbach ist ein Netzaktivist, ein Heimarbeiter. Er sitzt vor dem Bildschirm, hackt fremde Telekommunikationsnetze und stellt provisorische Server zur Verfügung, über die Menschen aus den Krisenregionen eine Verbindung zur Außenwelt herstellen können. Es ist oftmals ihre einzige Chance, Informationen aus überwachten oder abgeschalteten Netzen zu senden, die Weltöffentlichkeit um Hilfe anzurufen, so wie es in Syrien gerade geschieht. „Sie betteln geradezu um Hilfe“, sagt Urbach empört, aber es höre keiner zu.

Er hat viel grausames Foto- und Videomaterial gesehen, das nie in der Tagesschau landete: „Das Problem ist die fehlende Verifizierbarkeit, die Primärquellen, es muss immer alles doppelt gecheckt werden. Aber für das, was über unsere Leitungen nach außen dringt, gibt es keine offizielle Bestätigung, keine zweite Quelle, es ist eben einfach Material.“ Oftmals müssen er und seine Kollegen noch die Wasserzeichen und Geotags aus dem Material entfernen, um die Menschen zu schützen, die es herausschmuggeln konnten. Die Netze, die er und seine Kollegen hacken, sind nicht selten von deutschen Firmen gebaut worden. „Es gibt Messen, auf denen regelrecht damit geworben wird, dass man mit dieser oder jener Technik das eigene Volk bespitzeln kann“, sagt er. „Kauft keinen Geschirrspüler von Siemens, ich meine das ernst.“

Dokumente erst Tage später in den Medien

Eine lose Organisation, für die er arbeitet, ist „Telecomix“. Deren Mitglieder schaffen eine Netzinfrastruktur, die es den betroffenen Menschen ermöglicht, nach außen zu kommunizieren. Meist sind es Textfragmente, Bilder, Emails, seltener Videos, die so in die Öffentlichkeit gelangen: “Die Verbindungen, die wir herstellen können, laufen häufig über alte Modems, da kann man große Daten wie Videos nicht so einfach verschicken.” Wenn es doch Videos gibt, sind sie auf Blogs und auf Youtube zu sehen, selten oder erst Tage oder Wochen später in den Zeitungen oder Fernsehnachrichten. Manchmal sind es aber auch nur private Emails an Verwandte in anderen Ländern, die über die alternativen Netze verschickt werden – daran hatten die Aktivisten am Anfang gar nicht gedacht. Die Dankbarkeit der Menschen gerade für diese Möglichkeit sei aber riesig.

Seine Einblicke in die Realität des „arabischen Frühlings“ sind zwar nur virtuell und bruchstückhaft, doch wenn er sich am Podium ereifert oder seine Stimme stockt, dann merkt man ihm an, wie nah ihm die Menschen auf der anderen Seite der Leitung sind. Während des ganzen Vortrags wirkt Urbach häufig abgelenkt, holt sein Smartphone raus, tippt mit den Fingern darauf herum. Es sieht aus, als wünsche er sich, dort endlich gute Nachrichten lesen zu können. Er kämpft viele Kriege gleichzeitig, heute Abend wirkt er überfordert.

„Meine Aufgabe als Netzaktivist ist es, Menschen zu ermöglichen, ihre Geschichten zu erzählen. Ob das dann die Wahrheit oder gelogen ist, will ich gar nicht entscheiden müssen. Ich will nicht entscheiden, wer in einem Diskurs dort Recht hat oder auch nicht, denn das kann ich nicht“, sagt er. Man stelle lediglich Technologie zur Verfügung, um aus überwachten Netzen frei kommunizieren zu können. Für weiterführende Diskussionen, für politische Zielsetzungen in den einzelnen Ländern gäbe es genug Leute vor Ort, die sich damit auskennen würden. „In Kairo gibt es zum Beispiel auch einen Hackerspace, der beschäftigt sich dann damit, wie man politische Partizipation ermöglichen kann – on- und offline.“

Angriff auf Netze politisch gewünscht

Die Netzaktivisten arbeiten damit nicht legal im Sinne des Strafgesetzbuches, das scheint klar. “Aber schon nach der Verfassung”, sagt Urbach. Es ist eine Grauzone – was würden die im Saal Anwesenden denken, wenn es um Hacker ginge, die die Kommunikation in Deutschland lahmlegten? Als ihn während der offenen Fragerunde jemand anspricht, ob er keine Angst habe, für seine Aktionen belangt zu werden, verneint er das deshalb auch mit einem spöttischen Lächeln. „Es ist doch politisch gewünscht, etwas gegen Syrien zu unternehmen – kein deutscher Staatsanwalt würde sich trauen, uns anzuklagen, weil wir da illegal ins Netz reingehen. Das zeigt aber auch, wie dumm diese Gesetze sind, die wir hier haben. Es kommt halt immer darauf an, wer das Ziel ist.“ Wenn es dann doch mal zu einer Anzeige käme, ergänzt er, „dann sind das zwei Anrufe bei der dpa und den anderen Agenturen, dann ist hier die mediale Hölle los.“

Schweigen: Urbach trauert um seine Mitstreiter. FOTO: Amon Thein

Schweigen: Urbach trauert um seine Mitstreiter. FOTO: Amon Thein

Er habe über seinen Vater gelacht, der glaubt, im Netz kann man keine Freundschaften haben, sagt der 31-Jährige. „Gerade in Zeiten eines Krieges oder einer Revolution kann man tiefe Freundschaften schließen, die Menschen freuen sich einfach, wenn man Ihnen zuhört. Ein einfaches ‘Hey, wie geht’s Dir?’ – es sind tiefe Gefühlsregungen, ausgedrückt über ein paar Punkte und Klammern.“ Als er von diesen Freunden erzählt, erstickt seine Stimme, viele von ihnen sind mittlerweile tot.  Er bittet die Zuschauer, aufzustehen. Alle stehen auf, schauen auf Urbach am Pult. Der ist in sich zusammengesunken, Tränen in den Augen. Es ist still im Saal, alle verharren für eine Minute. Er dankt mit einer sanften Kopfbewegung, alle setzen sich wieder.

Dankbarkeit für einen besonderen  Vortrag

Eine Frau in der hinteren Reihe beginnt lautlos zu weinen, sie sitzt einfach nur da, ihre Schultern zucken. Der Mann neben ihr legt sacht den Arm um sie. Später ergreift sie das Mikrofon, das für die Fragerunde im Saal herumgereicht wird. Sie wolle gar keine Frage stellen, sagt sie. Sie wolle sich einfach nur bedanken: “Ich bin Syrerin”, sagt sie mit leiser Stimme. “Ich habe auch jetzt gerade Angst, dass mich jemand beobachtet. Ich fühle mich nicht mehr sicher. Ich will einfach nur sagen: Danke für Ihre Arbeit, vielen, vielen Dank.” Urbach schaut auf, legt das Handy endlich beiseite. Dann lächelt er sie traurig an.

Eine Woche nach diesem bewegenden Vortrag gibt Stephan Urbach auf seiner Webseite in englischer Sprache bekannt, vom Aktivismus zurückzutreten, zumindest praktisch. Er könne den Druck nicht mehr ertragen, genaue Kenntnisse über die Geschehnisse zu haben. Er sei auch zu oft als “Gesicht der Netzaktivisten” gesehen worden, die Kritik sei deshalb oft hart und manchmal unmenschlich. „It is time to retire and see it from a little distance, it is time to step aside.“

Der komplette Vortrag ist als Videomitschnitt auf dem Youtube-Kanal des Vereins “Kreativität trifft Technik e. V.” zu finden. UPDATE 12.03.2012: Ein Transkript des Vortrags gibt es hier zum nachlesen.

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Amon Thein ist Autor, Regisseur und Produzent einiger Kurzfilme und Dokumentationen. Seit 2005 produziert er Kinowerbung, Doku-, Kurz- und Imagefilme unter dem Label »Schwarzseher Film«.

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