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| 3. Januar 2012 06:00 | 2 Kommentare
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Alleine an der Werkbank stehen und basteln? Dabei aus lauter Ahnungslosigkeit ein Holz-Leim-Massaker anrichten? Das muss nicht sein. Oldenburgs Hackerspace kann helfen. Ein Besuch von Annika Richter

Sie haben im Hackerspace einen LED-Würfel gebastelt, der schreiben kann: Martin Hilscher, Patrick Günther und Sebastian Setz (von links). FOTO: Annika Richter

Sie haben im Hackerspace einen LED-Würfel gebastelt, der schreiben kann: Martin Hilscher, Patrick Günther und Sebastian Setz (von links). FOTO: Annika Richter

Wie so vieles, begann auch das Holz- und Leim-Massaker auf meinem zur Werkbank umfunktionierten Schreibtisch mit einer hübschen Idee. Um in diesem Winter nicht wieder in die kleinen Knopfaugen hungriger Spatzen blicken zu müssen, die aufgereiht von der Balkonbrüstung ins Wohnzimmer schauen, sollte dieses Jahr pünktlich zur kalten Jahreszeit ein Vogelhaus her.

Aber nicht irgendeines. Ein Schweden-Häuschen sollte es sein – rot, mit kleinen weißen Fensterchen und einem Schornstein. Daraus könnte es ja sogar behaglich rauchen, kam es mir in den Sinn, und ob man im Fenster wohl einen klitzekleinen Weihnachtsstern leuchten lassen könnte? Schließlich pickt das Auge mit. Was mir erst auffiel, als das Material auf meinem Schreibtisch lag: Ich weiß gar nicht, wie man so was baut. Und das nötige Werkzeug habe ich auch nicht. Und Lust, mich nach einem langen Arbeitstag allein hinter die „Werkbank“ zu klemmen, habe ich schon gar nicht.

So wie mir, scheint es in Oldenburg und umzu vielen Leuten mit ihren Ideen zu gehen. Anders ist es kaum zu erklären, dass sich einige von ihnen mit ihren Ideen in kürzester Zeit zu einem Verein zusammengeschlossen haben. Innerhalb von eineinhalb Monaten entstand „Kreativität trifft Technik e.V.“. Nachdem das heutige Vorstandsmitglied Patrick Günther im Mai eine Rundmail versendet und gefragt hatte, wer Lust hat, sich zusammenzutun, sind inzwischen 42 Mitglieder zusammengekommen.
Sie bieten den einzigen Hackerspace im Nordwesten – einen Raum, in dem die unterschiedlichsten Menschen gemeinsam ihre Ideen umsetzen können. Egal, ob Mitglied oder Nichtmitglied, jeder soll die Möglichkeit haben, Neues auszuprobieren und den Fragen auf den Grund zu gehen, die ihn schon immer bewegt haben. Zum Beispiel: Kann man blaue Spaghetti herstellen, und wenn ja, schmeckt das gut? Oder: Kann man die Kaffeemaschine so umprogrammieren, dass sie den Kaffee trinkwarm brüht? Und das beste daran: Der Platz und die Werkzeuge dafür sind schon da.

Eine weltweite Idee

Hackerspaces sind ein Phänomen, das immer weitere Kreise zieht. Die ersten Hackerspaces haben sich im Umfeld des deutschen Chaos Computer Clubs gebildet. Computerhacker schufen ganz wörtlich übersetzt Räume – für Ideen. Von dort aus ist das Konzept erst einmal nach Amerika getragen worden, wo es sich weit verbreitet hat und bekannt geworden ist. Aus den USA ist es wieder nach Deutschland zurück gekommen und etabliert sich weltweit. Allein in Deutschland gibt es inzwischen knapp über 100 Hackerspaces. Zu den Bekanntesten zählen das „RaumZeitLabor“ in Mannheim, das „C4“ in Köln und das „c-base“ in Berlin.

„Die Idee eines Hackerspaces ist, eine gemeinsame Infrastruktur zu schaffen, die jeder jederzeit nutzen kann, um sein eigenes Wissen mit anderen zu teilen“, sagt Jürgen Geuter, Mitglied bei „Kreativität trifft Technik“. „Nicht jeder kann alles gleich gut. Wenn jemand eine Idee für ein Projekt hat, für das er beispielsweise löten muss, es aber nicht kann oder sich keinen Lötkolben kaufen will, kann er hierher kommen. Hier sind Geräte vorhanden, und hier trifft er garantiert jemanden, der ihm gerne zeigt, wie man lötet.“

Und vielleicht hat dieser Löt-Experte sogar noch Lust, bei dem Projekt des anderen mitzumachen. Denn obwohl das Konzept der Hackerspaces aus einem Kreis von Informatikern stammt, die in der Öffentlichkeit nicht gerade als gesellig gelten, handelt es sich durchaus um ein soziales Konzept. „Es geht auch darum, nicht nur zuhause vor sich hin zu werkeln. Allein bringt es ja auch nur halb so viel Spaß, sich nach der Arbeit noch mal für sein Hobby aufzuraffen“, sagt Vereinsmitglied Sebastian Setz. „Hier trifft man auf Menschen, die alle an etwas arbeiten und von denen man einen ganz neuen Input bekommt.“

Und ein Informatiker-Nest ist so ein Hackerspace schon lange nicht mehr. Bei „Kreativität trifft Technik“ tummeln sich zum Beispiel auch Juristen, Tischler, Grafiker, Physiotherapeuten, Chemiker und Künstler. Sie kommen zum Stricken, Bauen, Kochen, Programmieren oder Basteln. Zusammen hinterfragen sie „die Welt noch einmal wie Kinder und probieren aus, was geht“, sagt Setz. „Manche Ideen sind vielleicht ein bisschen albern, aber es entstehen auch viele nützliche Dinge.“ Dinge, die man auch kaufen könnte, aber auch welche, die viel besser sind, als das, was man kaufen kann.

Pläne und Ideen teilen

„Man selbst hat viel bessere Ideen, als die Typen, die das Zeug für die großen Unternehmen zusammenkleben“, sagt Geuter. Und weil die Ideen geteilt werden, könne sie jeder nachmachen. „Wenn ein Hacker etwas gebaut hat, ist er fertig damit und stellt die Pläne kostenlos zur Verfügung.“

Der Oldenburger Hackerspace ist aus seiner Probezeit – dem Alpha-Test, wie die Hacker sagen – längst raus. Zunächst bot der Verein nur temporäre Veranstaltungen wie zweitägige Lötkurse an. Inzwischen ist der Beta-Space entstanden: ein eigener Raum in der Bleicherstraße 10. Doch selbst dieser mit Arbeitsplätzen, Werkzeugen und gemütlichen Sitzgelegenheiten gefüllte Raum ist für die stetig wachsende Menge ideenreicher Menschen schon wieder zu klein. Darum sucht der Verein nach einem günstigen Ort, in dem mehrere Werkstätten, Küche, Bad, Lager und ein Raum zum Entspannen eingerichtet werden können.

Die Zahl der neugierigen Besucher steigt übrigens nicht nur im Beta-Space. Auch bei der Vortragsreihe „Universal. Sozial. Digital! – Veranstaltungsreihe zum Leben in der vernetzten Gesellschaft“, die der Verein veranstaltet, kommen immer mehr Zuhörer. Zuletzt füllte Alvar C.H. Freude mit seinem Thema „Wenn der Staat das Internet hackt“ den Schlosssaal. Am 29. Februar 2012 spricht der Netzaktivist Stephan Urbach im PFL über den Arabischen Frühling, der oft als Facebook-Revolution tituliert wird, und seine Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft.

Was „Kreativität trifft Technik“ noch alles plant, ist im Internet unter www.kreativitaet-trifft-technik.de nachzulesen. Dort stehen auch die Öffnungszeiten des Beta-Spaces, zu denen man einfach vorbei kommen kann. Wer dem Hackerspace auf Twitter folgen möchte, kann das unter https://twitter.com/KtT_OL tun.

Das schwedische Vogelhäuschen habe ich bis heute nicht fertig gebaut. Angst um die hungrigen Spatzen habe ich trotzdem nicht. Schließlich weiß ich ja jetzt, wo mir geholfen wird, bevor in diesem Jahr der Winter voll zuschlägt.

2 Kommentare

  • Lieber Medienfloh,

    du hast uns ertappt – auch externe Autoren schreiben für uns. Deren Namen verstecken wir dann ganz geschickt im Vorspann, sodass wirklich nur findige Leser sie entdecken können.

    Viel Spaß beim Suchen,
    die Red.

  • Ein Artikel in Ich-Form und dann von “Redaktion”? Ich bin verwirrt. Den Schreibstil kenne ich doch auch…, moment, ah Schnuppern in einer neuen Dimension”

    Viel Glück, KtT!

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