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| 12. Dezember 2011 14:00 | 10 Kommentare
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Die ungarische Philosophin Àgnes Heller wird mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg geehrt. Das konnte man am Donnerstag in der NWZ lesen. Die entsprechende Pressemitteilung der Stadt wurde allerdings erst am Donnerstagvormittag versandt. Ist die NWZ so sehr auf Zack? Hat sie tiefgründige Recherchearbeit geleistet, Leute bestochen und sich nachts um drei auf nebelverhangenen Brücken mit Jurymitgliedern getroffen, um an diese Info zu kommen? Oder handelt es sich um einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum? Achwo, die Antwort ist viel banaler.

Woher wir wissen wollen, dass die NWZ die Info vom Pressebüro der Stadt bekommen hat und nicht von einem Jurymitglied? Ganz einfach. Zeit, eine neue Runde  “Finde die Unterschiede” zu spielen – bei diesem Paradebeispiel können wir gar nicht anders. Auf der einen Seite finden Sie die offizielle, am Donnerstag herumgeschickte Pressemitteilung der Stadt, auf der anderen Seite den Artikel in der NWZ desselben Tages (dass dieser mit einem Redakteurskürzel versehen wurde, sei nur am Rande bemerkt).

Text A Text B
Der Carl­von­Ossietzky­Preis für Zeitgeschichte und Politik der Stadt Oldenburg des Jahres 2012 wird nach einstimmigem Votum der unabhängigen Jury der ungarischen Philosophin Prof. Dr. Ágnes Heller zuerkannt. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird am 4. Mai 2012 im Rahmen eines Festaktes verliehen. Am 3. Mai wird die Preisträgerin in einer öffentlichen Abendveranstaltung mit prominenten Gästen über Demokratie, Freiheitsrechte und europäische Identität diskutieren. 

 

Der Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik der Stadt Oldenburg 2012 wird nach einstimmigem Votum der Jury der ungarischen Philosophin Prof. Dr. Agnes Heller zuerkannt. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird am 4. Mai 2012 im Rahmen eines Festaktes verliehen. Am 3. Mai 2012 wird die Preisträgerin in einer Abendveranstaltung über Demokratie, Freiheitsrechte und europäische Identität sprechen.
Die Jury schreibt in ihrer Begründung: „Die 1929 in Budapest geborene Philosophin Ágnes Heller erhält den Preis aufgrund ihrer Furchtlosigkeit, mit der sie zeitlebens unter wechselnden Regimen ihren eigenen Überzeugungen gefolgt ist. Als europäisch und kosmopolitisch denkende Intellektuelle gibt sie einem verängstigten Europa ein eindrucksvolles Beispiel.“ Die Jury schreibt in ihrer Begründung: „Die Philosophin erhält den Preis aufgrund ihrer Furchtlosigkeit, mit der sie zeitlebens unter wechselnden Regimen ihren eigenen Überzeugungen gefolgt ist. Als europäisch und kosmopolitisch denkende Intellektuelle gibt sie einem verängstigten Europa ein eindrucksvolles Beispiel.“ 

 

Der Jury gehören an die Literaturwissenschaftlerin und Jury­Sprecherin Prof. Dr. Sabine Doering (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg), der Historiker Prof. Dr. Norbert Frei (Friedrich­Schiller­Universität Jena), der Soziologe und Konfliktforscher Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer (Universität Bielefeld), der Journalist Dr. Gunter Hofmann (Die ZEIT, Berlin) sowie der Direktor des NDR­Landesfunkhauses Schleswig­Holstein, Friedrich­Wilhelm Kramer (Kiel). 

 

Der Jury gehören an die Literaturwissenschaftlerin und Jury-Sprecherin Sabine Doering (Uni Oldenburg), der Historiker Norbert Frei (Uni Jena), der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer (Uni Bielefeld), der Journalist Gunter Hofmann (Berlin) sowie der Direktor des NDR-Landesfunkhauses Schleswig-Holstein, Friedrich-Wilhelm Kramer (Kiel). 

 

Ágnes Heller wurde 1929 als Tochter jüdischer Eltern in Budapest geboren. Während ihr Vater und viele ihrer Verwandten und Freunde in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden, konnten sie und ihre Mutter der Judenverfolgung knapp entgehen. 1947 legte sie am Jüdischen Gymnasium in Budapest ihr Abitur ab. Danach schrieb sie sich an der Universität Budapest für Physik ein, wechselte jedoch nach einer Vorlesung des Philosophen Georg Lukács das Fach und studierte Philosophie. Agnes Heller wurde 1929 als Tochter jüdischer Eltern in Budapest geboren. Während ihr Vater und viele ihrer Verwandten in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden, konnten sie und ihre Mutter der Judenverfolgung knapp entgehen. 1947 legte sie in Budapest ihr Abitur ab. Danach schrieb sie sich an der Uni Budapest für Physik ein, wechselte jedoch nach einer Vorlesung des Philosophen Georg Lukács das Fach und studierte Philosophie.
Sie wurde Schülerin des marxistischen Philosophen, promovierte und arbeitete als Lukácz­Assistentin an der Universität. Heller publizierte sehr viel, kam aber bald als Mitglied der kommunistischen Partei mit der Parteiführung in Konflikt, die ihr mangelnde Linientreue vorwarf. 1958 wurde sie wegen „konterrevolutionärer Tätigkeiten“ und Ideen aus der Partei ausgeschlossen und mit Berufs­und Publikationsverbot belegt. 

 

Sie wurde Schülerin des marxistischen Philosophen, promovierte und arbeitete als Lukácz-Assistentin. Heller publizierte sehr viel, kam aber bald als Mitglied der kommunistischen Partei mit der Parteiführung in Konflikt. 1958 wurde sie wegen „konterrevolutionärer Tätigkeiten“ aus der Partei ausgeschlossen und mit Berufs- und Publikationsverbot belegt.
Zu Anfang der liberaleren 1960er Jahre durfte sie wieder in ungarischen Zeitschriften insbesondere ihre Ethik­Studien über Kant, Kierkegaard, Rousseau und Feuerbach veröffentlichen. 1968 erhielt sie wegen ihres Protestes gegen die Besetzung der Tschechoslowakei durch den Warschauer Pakt erneut ein Publikations­und Reiseverbot. In den folgenden Jahren wurden gegen sie und andere Mitglieder der „Budapester Schule“, eines philosophischen Freundeskreises aus dem geistigen Umfeld von Georg Lukács, Disziplinarverfahren eingeleitet. Es folgten Suspendierungen sowie systematische Bespitzelungen und Überwachungen. 

 

Zu Anfang der liberaleren 1960er Jahre durfte sie wieder veröffentlichen. 1968 erhielt sie wegen ihres Protestes gegen die Besetzung der Tschechoslowakei durch den Warschauer Pakt erneut ein Publikations- und Reiseverbot.
1977 emigrierte Heller mit ihrem Mann, dem Philosophen Ferenc Fehér, und ihrem Sohn nach Australien. Dort lehrte sie als Soziologieprofessorin an der La Trobe Universität in Melbourne. Anschließend übernahm sie als Nachfolgerin von Hannah Arendt den Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York. 1977 emigrierte Heller mit ihrem Mann, dem Philosophen Ferenc Fehér, und ihrem Sohn nach Australien. Dort lehrte sie als Soziologieprofessorin an der La Trobe Uni in Melbourne. Anschließend übernahm sie als Nachfolgerin von Hannah Arendt den Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York. 

 

In den 1990er Jahren kehrte sie nach dem politischen Systemwechsel wieder regelmäßig nach Ungarn zurück. 2001/ 2002 wurde sie Fellow des Kollegs Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar. Inzwischen lebt Ágnes Heller wieder in Budapest. In den 1990er Jahren kehrte sie nach dem politischen Systemwechsel wieder regelmäßig nach Ungarn zurück. 2001/2002 wurde sie Fellow des Kollegs Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar. Inzwischen lebt Agnes Heller wieder in Budapest. 

 

 

(Wir geben zu: Dieses Mal ist es besonders knifflig. Daher geben wir ausnahmsweise einen Tipp: Nur in einem der beiden Texte ist angegeben, für welche Zeitung das Jurymitglied Gunter Hofmann arbeitet, der andere verschweigt dies. Die Lösung schreiben Sie auf eine Postkarte und hängen diese hinter Ihren Schrank.)

Auf Nachfrage bestätigte das Pressebüro, dass die NWZ vorab informiert worden ist, damit ihr gegenüber den Rundfunk- und elektronischen Medien “kein Nachteil erwächst”. Ein Schutzreservat für den bedrohten Printsektor also. Oder doch eine Extrawurst? Zumindest auswärtige Printmedien hatten das Nachsehen: Auch die Deutsche Presseagentur dpa, die die meisten deutschen Zeitungen beliefert, erklärte auf Anfrage, erst am Donnerstagvormittag die Pressemitteilung erhalten zu haben. Begeisterung über das Vorgehen der Stadt klang ohnehin bei keinem der von uns gefragten Kollegen durch. Zu häufig hatte es in den vergangenen Jahren, vor allem unter dem vorigen Leiter des Pressebüros, ähnliche Fälle gegeben.

Zugegeben: Es muss ein hartes Schicksal sein, das man als einziges tagesaktuelles Printmedium der Stadt zu ertragen hat. Andererseits hat auch die NWZ ein Onlineportal, mit dem sie bei Bedarf genauso schnell berichten kann wie die Medien, vor denen sie geschützt werden soll. Und durch den Umstand, dass die gedruckte NWZ schon frühmorgens in den Briefkästen und an den Kiosken lag, die offizielle Pressemitteilung aber erst vormittags an die anderen, eigentlich als schnell geltenden Medien verschickt wurde, wandelt sich der vermeintliche Nach- in einen handfesten Vorteil für die Zeitung: Alle anderen Redaktionen stehen blöd da, weil es so aussieht, als würden sie bloß der NWZ hinterherhecheln. Es geht dabei nicht um Gefeilsche um ein paar Stunden, sondern um die öffentliche Wahrnehmung der Berichterstattungskompetenz eines Mediums – und die ist in dieser Branche bare Münze wert.

10 Kommentare

  • @mausi

    und ob den redakteuren das zu denken geben sollte. denn es ist nicht ihre aufgabe, sich mit dem pressebüro der stadt gut zu stellen, sondern die arbeit der städtischen behörden kritisch zu beobachten. das pressebüro versucht, diese arbeit in ein möglichst gutes licht zu stellen. das ist die aufgabe des büros. die aufgabe von journalisten ist es, auch zu gucken, was im schatten liegt. aber das fällt schwer, wenn man sich mit den leuten im büro gut stellt – so gut, dass man allgemeine informationen vor allen anderen bekommt. und so gut, dass man die pressemitteilung fast wortwörtlich übernimmt. ich hacke übrigens mitnichten auf der nwz rum, sondern äußere mich erstmalig zu dieser zeitung. ich lese sie allerdings regelmäßig, weil ich für den öffentlich/rechtlichen rundfunk im nordwesten niedersachsens arbeite. und mir gefallen solche seilschaften eben nicht.

  • warum sollte denen das zu denken geben? sich mit den leuten vom pressebüro “gut zu stellen” ist als journalist wohl nicht die allerschlechteste idee. ich glaube, ihr habt alle nichts besseres zu tun, als pausenlos und wegen jedem scheiß die nwz zu beschimpfen. wenn die kritik berechtigt ist (und manchmal ist sie es), ok, aber bitte nicht wegen jedem mist. das ist lächerlich. tut mir leid.

  • es gibt ein wirksames mittel, um eventuelle nachteile zu verhindern. das nennt man sperrfrist. soll heißen, ein pressebüro kann eine meldung mit einem datum nebst uhrzeit versehen, wann die information frühestens gebracht werden darf. das wird eigentlich gemacht, um zu verhindern, dass infos vor einem ereignis bekannt werden. (ein preisträger ist weniger überrascht, wenn ers schon in der zeitung gelesen hat). manchmal wird das auch gemacht, damit alle gleichzeitig berichten (neues ipad, etc). aber eben oft auch, damit print oder elektronische medien keinen wettbewerbsvorteil haben. wenn das oldenburger pressebüro auf diese möglichkeit nicht zurück greift, dann nur deshalb, weil die mit der nwz ganz dicke sind. das sollte allerdings weniger dem pressebüro, sondern eher den redakteuren der zeitung zu denken geben!

  • Der in einem Kommentar erwähnte Berliner “Tagesspiegel” gehört zu Holtzbrinck, genau wie DIE ZEIT.

  • Herzlichen Glückwunsch zu dieser Erkenntnis.

    Aber es läuft in Deutschlandszeitungssektor auf lokaler Ebene noch ein wenig perfider ab: nicht nur, dass hauptamtliche Magistratsmitglieder mit den Chefredakteuren jagen gehen oder andere Tätigkeiten gemeinsam haben und oft ausüben … nein, es ist sogar mehrfach an der Tagesordnung, dass (mehr oder weniger) ranghohe Rathausmitglieder bei den Zeitungen als Lokalredakteur arbeiten …

  • Klar, Joe, die haben das gegoogelt und ganz zufällig kam am Tag, als es in der NWZ stand, die Stadt mit ihrer Pressemitteilung. Oder hat die Stadt etwa bei der NWZ abgeschrieben? Ist ja unerhört!

  • Naja, da ist ja wohl eher der Lokalteil etwas arm. Unter http://www.tagesspiegel.de/Kultur/nachrichten/5928832.html war bereits am 6.12. eine Meldung zum Thema erschienen. Die NWZ wird das entdeckt haben und bei der Stadt nachgefragt haben. Hätte der Lokalteil ja auch tun können. Woher ich das alles weiß? Einfach mal google bemühen. Dass der Lokalteil aber mit voller Breitseite auf die NWZ einprügelt, nur weil die dort ihre Arbeit gemacht und eben die Tagesspiegel-Meldung gefunden haben, finde ich viel ärmer.
    Ich würde hier jedenfalls gern gute Story aus ÖL lesen statt des ewigen und zunehmend nervigem NWZ-Bashing. Preisfrage: Wer bekommt am Wochenende wieder die Bratwurst? Ist es a) die NWZ b) die NWZ oder c) die NWZ?

    • @Joe: Wenn eine öffentliche Institution wie das Pressebüro einer Stadt einem örtlichen Medium gegenüber den anderen gezielt und bewusst einen Vorteil verschafft, dann IST das für uns eine “gute Story aus OL”. Und wenn die NWZ ihren zahlenden Lesern eine kopierte PM als Eigenleistung verkauft, ebenfalls.

  • ich hätts genauso gemacht. was kann die nwz dafür, wenn sie den text einen tag vor allen anderen bekommt? soll sie aus solidarität mit den anderen warten? versteh die aufregung nicht.
    nur, dass das redaktionskürzel davor steht, ist tatsächlich etwas “arm”.
    wann ist das erschienen? letzten donnerstag?

  • Arme NWZ, ganz arm. Superklasse, dass ihr sowas aufgreift!

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