Feuilleton >
| 24. September 2011 08:00 | Kommentare deaktiviert für Kunst trotz(t) Armut
Drucken

Noch bis zum 29. September ist die Wanderausstellung “Kunst trotz(t) Armut” zu sehen. Lokalteilredakteurin Beate Lama hat sie sich angeschaut.

Eine besonders sehenswerte Ausstellung ist noch bis zum 29. September in der Forumskirche St. Peter zu sehen. Die von der Evangelischen Obdachlosenhilfe e.V. mit Partnerorganisationen organisierte Wanderausstellung “Kunst trotz(t) Armut” lässt  auf unkonventionelle Art und Weise gesellschaftliche Missstände und soziale Probleme sichtbar werden. Spätestens seit der letzten Wirtschaftskrise im Jahr 2008 ist deutlich geworden, dass die Schere zwischen Arm und Reich auch in Deutschland immer weiter auseinander klafft. Die extreme Auswirkung dieser Entwicklung zeigt sich in steigenden Obdachlosenzahlen, die immer mehr Bevölkerungsgruppen betreffen. Auch hier in Oldenburg. Es sind oft Künstler, die diese Missstände wahrnehmen und sichtbar werden lassen, wenn regulierende Maßnahmen von Seiten der Politik ausbleiben. Eine Vielzahl dieser künstlerischen Auseinandersetzungen zum Thema Armut, soziale Ungerechtigkeit und Ausgrenzung zeigt die Wanderausstellung in der Forumskirche und im angrenzenden Gemeindehaus in der Peterstraße 20-24.

Siebdrucke von Jörg Immendorf über dem Taufbecken. FOTO: Beate Lama

Siebdrucke von Jörg Immendorf über dem Taufbecken. FOTO: Beate Lama

Gelungen ist das Konzept von Kurator und Projektleiter Andreas Pitz, Werke bekannter und weniger bekannter Künstler und Kunst von Obdachlosen nebeneinander zu stellen. Pitz hat eine spannende, künstlerisch anspruchsvolle Ausstellung zusammengetragen, die Menschen, die in Armut leben, sichtbar werden lässt. Zu den bekannteren Künstlern der Ausstellung zählt wohl Jörg Immendorf, der mit vier Siebdrucken, die er für die Düsseldorfer Obdachloseninitiative „fiftyfifty“ schuf, und einer Bronzeskulptur, dem „Oskar für Obdachlose“, in der Ausstellung vertreten ist. Neben Immendorf holte Pitz auch Werke von Sigmar Polke, Klaus Staeck, Rosemarie Trockel und Katharina Fritsch nach Oldenburg. National und international bekannte Fotografen zeigen ihre Arbeiten neben denen der ehemaligen Obdachlosen Karin Powser, die ungewöhnliche Einblicke in die Lebenswelten von Obdachlosen gewährt.

Fotografie von Karin Powser im Forum St. Peter. FOTO: Beate Lama

Fotografie von Karin Powser im Forum St. Peter. FOTO: Beate Lama

Es ist nicht leicht, die unterschiedlichen Exponate in den Kirchenräumen zur Geltung zu bringen, und es liegt am Betrachter, sich den Kirchenraum zu eigen zu machen. So muss er Schranken überwinden, um zu den einzelnen Werken vorzudringen und sich auf Positionen begeben, die er als Kirchenbesucher normalerweise nicht einnimmt. Es braucht eine Weile, sich nicht nur auf den Ort, sondern auch auf die Inhalte einzulassen. Wenn das gelingt, gibt es Kunstwerke zu sehen, die sich – fernab von elitärem Kunstverständnis – Menschen und ihrer Situation nähern, die gemeinhin nicht im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens stehen.

Bettlerhand von Katharina Fritsch. FOTO: Beate Lama

Bettlerhand von Katharina Fritsch. FOTO: Beate Lama

Der Besucher sollte sich nicht scheuen, die Ausstellungsaufsicht zu bitten, ihnen die Tür zum benachbarten Gemeindezentrum aufzuschließen. Hier erwarten ihn auf zwei Etagen neben Zeichnungen und Gemälden großformatige Fotografien. Mit Matratzen, Decken und Schlafsäcken Obdachloser zeigt der Fotograf Wolfgang Bellwinkel das, was den Körper des Schlafenden vom Boden und der kalten Luft trennt und somit das Überleben sichert. Gemeinsam an einer Wand mit den Porträts Obdachloser von Katherina Mayer präsentiert, wirken die Fotografien im Zusammenspiel umso eindringlicher. Auf den ersten Blick bizarr muten die Fotografien des Haus Marfino und des Hauses Schöneweide der Berliner Künstlerin Miriam Kilali an. In einem achtzehn Monate dauernden Projekt verschönerte sie gemeinsam mit Obdachlosen Unterkünfte in Moskau und Berlin.

Die Tristesse der Räume aus den siebziger Jahren gibt der Ausstellung eine besondere Atmosphäre. FOTO: Beate Lama

Die Tristesse der Räume aus den siebziger Jahren gibt der Ausstellung eine besondere Atmosphäre. FOTO: Beate Lama

„Dem Kunst- und Kulturbetrieb heutiger Zeit haftet häufig etwas Elitäres an. In Zeiten knapper Kassen und leerer öffentlicher Haushalte wird Kulturförderung und Kunst gerne und schnell gegen Soziales ausgespielt.“ So beginnt Projektleiter und Kurator Andreas Pitz seine Einführung im Katalog zur Wanderausstellung, und er fährt fort: „Das ist schade, denn bei genauem Hinsehen kann man feststellen, dass viele Künstler und Kulturschaffende immer wieder ihre Aufmerksamkeit benachteiligten Gruppen in unserer Gesellschaft widmen und auf eindrückliche Art und Weise durch ihre Arbeiten auf gesellschaftliche Missstände und soziale Probleme aufmerksam machen.“  Da ist es bedauerlich, dass in Oldenburg, trotz seiner oder vielleicht gerade wegen seiner ausgeprägten Museumskultur, Ausstellungen, die sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen beschäftigen eher selten zu sehen sind.

Die Ausstellung: Kunst trotz(t) Armut ist noch bis zum 29. September täglich von 9:00 bis 18:00 Uhr im Forum St. Peter in der Peterstraße 20 – 24 zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

Kommentare sind geschlossen

Neueste Artikel: