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| 30. Juli 2011 06:00 | Kommentare deaktiviert für Gute alte Fußballhölle
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Das Gedächtnis einer Stadt: Geschichtsstudenten der Carl-von-Ossietzky-Universität haben erstmals Oldenburger Erinnerungsorte zusammengetragen, die Ergebnisse werden in Form eines Sammelbandes im Herbst veröffentlicht. In einer losen Serie im Oldenburger Lokalteil stellen einige der Autoren vorab “ihre” Erinnerungsorte vor. Heute: André Pingel zum Erinnerungsort “Der VfB Oldenburg und das alte Donnerschweer Stadion”.

Bessere Tage: Volles Haus in Donnerschwee. BILD: www.alt-oldenburg.de

Bessere Tage: Volles Haus in Donnerschwee. BILD: www.alt-oldenburg.de

„Von Donnerschwee nach Liverpool,
von Liverpool nach Rom,
von Rom zurück nach Donnerschwee,
ja da spielt der VfB!“

— aus der “Maximo Liederfibel” von oldenburg-adelante.de (derzeit offline)

Selbst als „nur“ Zugezogener kommt man früher oder später in Kontakt mit dem VfB, dem Oldenburger Traditionsverein, der seit über 100 Jahren das Aushängeschild für Fußball in Oldenburg ist. Sei es nun durch Berichte in der Zeitung, Freunde, die schon länger Fans des Vereins sind (und die einen zum Besuch eines Spiels überreden) oder durch Aufkleber an diversen Ampeln hier in Oldenburg. Doch jetzt sollten mal alle die Hand heben, denen auch noch „Die Hölle des Nordens“ ein Begriff ist. Nun können Sie sich entweder wundern, warum Sie mit erhobener Hand vor der Zeitung sitzen oder aber sich fragen, wer ebenfalls seinen Guten-Morgen-Kaffee abgestellt hat, um seine Hand in die Luft zu recken.

Beide Reaktionen sind in diesem Zusammenhang durchaus verständlich. „Die Hölle des Nordens“ existiert nun schon länger nicht mehr und ist einem Einkaufszentrum gewichen. Da, wo einst das Stadion stand, befinden sich mittlerweile ein großer Parkplatz sowie zwei große Supermärkte. Aber dennoch ist der Verein in Verbindung mit seinem ehemaligen Stadion bei Umfragen, die zum Thema „Erinnerungsorte in Oldenburg“ durchgeführt wurden, sehr oft genannt worden. Die alte Spielstätte des VfB scheint also nicht komplett in Vergessenheit geraten zu sein, sondern ist überraschenderweise noch sehr lebendig und auch die früheren Glanzzeiten des Vereins sind in der Erinnerungskultur der Fans ein wichtiger Bestandteil.

Matthias Schachtschneider hat mit seiner Chronik anlässlich des 100 jährigen Bestehens des Vereins im Jahr 1997 einen großen Beitrag zur Vereinsgeschichte geleistet und in mühevoller Kleinstarbeit die Historie des VfB Oldenburg aufgearbeitet. Nun stellte sich die Frage, welchen Stellenwert der VfB und seine ehemalige Spielstätte, „Die Hölle des Nordens“, in der heutigen Erinnerungskultur einnehmen. Es kann ernüchternd festgestellt werden, dass der VfB außerhalb der oldenburgischen Region keinen großen Stellenwert hat. Mittlerweile in der Oberliga Niedersachsen angesiedelt, kann er aber dennoch auf eine treue Fangemeinde setzen. Doch was macht diese Faszination aus? Als absolut Außenstehender (ich bin kein Fan eines Bundesliga-Vereins, selbst in den Zeiten der WM läuft kein einziges Spiel auf meinem Fernseher und auch die Berichterstattung in den Printmedien lässt mich völlig kalt), habe ich versucht, dieser Faszination im Aufsatz „Der VfB Oldenburg und das alte Donnerschweer Stadion – „Die Hölle des Nordens“ im demnächst erscheinenden Sammelband “Oldenburger Erinnerungsorte” zu folgen. Was macht den Verein und ein mittlerweile abgerissenes Stadion zu einem Ort der Erinnerung?

In seiner Schrift „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ führt Friedrich Nietzsche aus, dass der Mensch das Tier beneidet, welches in der Lage ist sofort zu vergessen. In Bezug auf den VfB und seine ehemalige Spielstätte scheint dieses Vergessen nicht wünschenswert, denn beides ist in der Erinnerung noch sehr lebendig. Es existiert eine Freiluftgrillanlage, die mit Hilfe von Steinen der ehemaligen Spielstätte gebaut wurde und des Weiteren werden Überlegungen angestellt, wie man die alte „Hölle des Nordens“ wieder beleben kann. Am 28. Mai 2011 feierte sogar ein Theaterstück seine Premiere, welches die „Hölle des Nordens“ erneut mit Leben füllt. Die Oxforder Historikerin Margaret MacMillan schrieb, dass die Geschichte ein sehr kraftvolles Instrument ist, das beispielsweise unsere heutigen Wertvorstellungen, unsere Ängste, unser Verlangen und unsere Vorlieben prägt. Wenn wir langsam damit begännen, die Kraft der Geschichte zu verstehen, die in der Erinnerung lebendig gehalten wird, könnten wir in Ansätzen die Energie verstehen, die dieser Erinnerung innewohnt und sie am Leben hält. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, die der Erinnerung an den VfB und „Die Hölle des Nordens“ dienlich sind und sie am Leben erhält. Verschiedene Bestandteile dieser Erinnerungskultur werden in dem kommenden Aufsatz aufgearbeitet und dargestellt.

Das Buch “Oldenburgische Erinnerungsorte” erscheint im Isensee-Verlag, geplanter Veröffentlichungstermin ist der 24. September.

Lesen Sie zur Nachbereitung auf das schon jetzt legendäre DFB-Pokalspiel zwischen dem VfB Oldenburg und dem HSV den Spielbericht “Feiertag in der B-Hölle” von Maik Nolte und die Bildergalerie “Fußballhölle – Hinterausgang” von Beate Lama.

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