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| 28. April 2011 05:00 | 2 Kommentare
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Wer ins Internet will, schließt – klar – einen Vertrag mit einem der zahlreichen Provider. Der Eintritt ins weltweite Netz ist heute günstiger als je zuvor – kostet aber dennoch Geld, mehr als manch einer auszugeben in der Lage ist. Aber wer sagt, dass der Weg ins weltweite Netz überhaupt mit Kosten verbunden sein muss?

Über den Dächern von Oldenburg: Freifunker Clemens installiert einen Netzwerkknoten FOTO: M. Nolte

Über den Dächern von Oldenburg: Freifunker Clemens installiert einen Netzwerkknoten FOTO: M. Nolte

Eine Wohnung am Westkreuz. Auf dem Couchtisch drängen sich surrende Laptops, dazwischen auseinandergeschraubte Router, drumherum sitzen fünf Männer verschiednen Alters – Tim, Clemens, Markus, Cord und Björn – und sagen Dinge wie „die knots vermashen sich“. Kein Zweifel: Es sieht genauso aus und klingt auch so, wie man sich ein Treffen von Computerfreaks vorstellt. Aber hier geht es um weitaus mehr als ums PC-Pimpen oder die Tücken spezieller Software. Die Freifunker, wie sie sich nennen, werkeln an ihrer Idee einer freien Wissensgesellschaft.

Diese Idee ist ebenso einfach wie revolutionär: Durch die möglichst weit verbreitete Installation sogenannter Netzwerkknoten, die WLAN-Signale weitertragen, soll ein offen zugängliches freies WLAN-Netzwerk entstehen – etwa so, als würden an jeder Ecke Hotspots eingerichtet. Je mehr Knoten, desto größer der abgedeckte Bereich dieses Freifunknetzes – und desto mehr Menschen, die davon profitieren können. „Schließlich ist nicht jeder in der Lage, sich einen eigenen Internetzugang leisten zu können“, sagt Clemens. Die derzeitige Gesellschaft sei auch in dieser Hinsicht eine gespaltene: Zwischen „denen, die Zugang zum globalen Wissen haben und denen, die ihn nicht haben“, wie Clemens es formuliert. Und diese Spaltung wollen die Freifunker, die es mittlerweile in vielen Städten gibt, überwinden, indem sie ihren Internetzugang der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

Frei verfügbares Internet für lau – das hat etwas anarchistisches und müsste doch eigentlich den Widerstand der kommerziellen Internetprovider geradezu herausfordern, die damit ihr Geld verdienen. Derzeit gibt es aber keine Probleme, berichten die Oldenburger Freifunker, weder hier mit dem örtlichen Anbieter EWEtel noch bei den viel größeren Netzwerken in Berlin, Wien oder Barcelona. Dort engagieren sich die Provider zum Teil sogar selbst im Freifunknetz. „Wir wollen uns gar nicht mit den geschäftsmäßigen Anbietern überschneiden, sondern Lücken schließen“, sagt Clemens. Menschen, die sich keinen Zugang leisten können, erreichen diese schließlich ohnehin nicht.

Netz mit engen Maschen

Der digitale Altruismus ist weder aufwendig noch sonderlich teuer. 20 Euro kostet ein solcher spezieller Router, mit dem sich das Freifunknetz ein Stückchen weiter weben lässt, bei Ebay bekommt man sie schon ab zehn Euro. Ein eigener WLAN-Anschluss ist dabei nicht einmal zwingend nötig, nur ein offenes WLAN-Signal, das auch von einem anderen Knoten kommen kann. Einer dieser Knoten befindet sich direkt unter dem Dach des Hauses, in dem sich die Freifunker zum Arbeitstreffen versammeln; ein unscheinbares schwarzes Kästchen, das zwischen Glaswolle und Spinnweben vor sich hin blinkt – der hier installierte Netzwerkknoten. „Je höher der Standort, desto größer die Reichweite“, erklärt Tim: „Man kann auch spezielle Knoten an die Fernsehantenne montieren.“ Das Signal des Knotens in seiner Erdgeschosswohnung reiche immerhin bis zum Haus auf der anderen Straßenseite, berichtet Markus – allerdings sei zumeist nach spätestens 50 Metern Schluss, bei massiven Betonwänden deutlich weniger.

Das erfordert ziemlich viele Knoten, um ein möglichst flächendeckendes Netz zu errichten. Noch befänden sie sich zwar im Experimentalstadium, sagen die Freifunker, aber immerhin beteiligen sich bislang schon zwölf Personen am freien Netz, das sie erst vor kurzem starteten. Dass die Vision der Freifunker keine Utopie sein muss, zeigt sich, wenn man an einem beliebigen Ort im Stadtgebiet sein Notebook aufklappt; es ist eigentlich egal, wo – in aller Regel befindet man sich in Reichweite gleich mehrerer WLAN-Netze. Wären nur die Hälfte von ihnen zugangsoffen, wäre wohl ein erklecklicher Teil Oldenburgs abgedeckt.

Diebstahlblocker inbegriffen

In der Realität sind allerdings nahezu alle Netze kennwortgeschützt, mittlerweile auch die, die Kneipenwirte und Cafébetreiber für ihre Gäste bereitstellen. Das hat einen guten Grund: Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs ist der Betreiber eines offenen Internetzugangs mitunter haftbar für kriminelle Handlungen, die über diesen Zugang erfolgen. Sprich: Lädt sich einer der Gäste illegal Musik – oder Schlimmeres – herunter, kann auch der Wirt zur Verantwortung gezogen werden. Im Ernstfall muss er nachweisen können, dass eine solche Handlung von jemand anderem begangen worden ist, außerdem sei zu erwarten, dass er zumutbare Sicherungsvorkehrungen treffe.

Das ist grundsätzlich natürlich auch beim Freifunk ein ernstzunehmendes Problem; wohl niemand möchte sich juristischen Ärger einhandeln, weil die Nachbarn sein WLAN für digitale Missetaten benutzen. Deshalb verwenden die Freifunker eine spezielle Software, die so etwas verhindern soll. „Das Problem sind ja Filesharing-Programme“, erklärt Clemens. Da diese auf eine bestimmte Art und Weise arbeiten, nämlich gleichzeitige Verbindungen zu mehreren Computern aufbauen, lasse sich erkennen, ob jemand im Netzwerk ein solches Programm verwendet. „Dieser Nutzer wird dann von der Software automatisch geblockt.“ Zudem sei der Internetverkehr über einen Server im Ausland geleitet, den sich die Oldenburger mit anderen Freifunknetzen teilen, und schließlich könne man im Zweifel einen etwaigen Übeltäter ja auch ermitteln. “Bringt auf jeden Fall mehr als irgendwelche Stoppschilder”, meinen die Freifunker im Hinblick auf den mittlerweile wieder kassierten von-der-Leyen-Plan, Internetsperren einzurichten.

Wer am freien Netz mitknüpfen möchte, braucht keine speziellen Kenntnisse. Einen passenden Router – wegen der aufzuspielenden Software ist nicht jeder geeignet – könne man bei ihnen beziehen, erklärt Tim, auch bei der Installation geben die Freifunker Hilfestellung. Organisiert sind sie indes, was kaum verwundert, nur sehr locker: „Auf die Gründung eines Vereins haben wir, ehrlich gesagt, gar keine Lust.“ Zwar würden sie gerne Spenden sammeln, etwa um Menschen, die sich beteiligen wollen, aber wenig Geld haben, zu subventionieren – sprich: ihnen ein Gerät zur Verfügung zu stellen –, aber das gehe auch über „die Berliner“. Dort ist das Freifunknetz stärker organisiert, und etwaige Spenden könnten an den dortigen Verein gerichtet werden, der für die Weiterverteilung an die lokalen Netze sorgt. Dringlicher wäre daher auch eher eine feste Verteilerstelle, wo sich Interessenten ihr Gerät abholen könnten und jemand als Ansprechpartner vor Ort sein könnte. „Vielleicht hat ja ein Computerladenbetreiber Lust dazu“, sagt Cord, ein Kiosk oder Bäcker ginge auch.

Andere umsonst mitsurfen zu lassen oder Geld investieren, um das zu ermöglichen: In einer Gesellschaft, in der Strandkörbe mit Wällen umgeben und Mülltonnen abgeschlossen werden, mag die Bezeichnung “ambitioniert” für das Ziel, das sich die Freifunker gesetzt haben, reichlich untertrieben erscheinen. Es bleibt aber ein hehres: Wohl niemand bezweifelt ernsthaft, dass der Zugang zu Informationen heute stark vom Geldbeutel abhängt. Dass zugleich das billigste überregionale Printmedium im Land das mit den großen Buchstaben ist, erscheint da um so gefährlicher – dem würden wohl auch Viele zustimmen, die sonst nicht im Traum daran dächten, ihren teuren Internetanschluss “für umme” zu teilen.

Und dass ein großes Freifunknetz keine Utopie bleiben muss, zeigt das Beispiel Barcelona: Dort sind bereits mehr als 12.000 Knoten eingerichtet.

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Journalist und Mitbegründer des Lokalteils, Erfinder des Ratssitzungs-Livetickers und Politik-, Medienwatch- und Umfragebeauftragter. Austritt aus dem Redaktionsteam im September 2013.
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2 Kommentare

  • avatar General-Investigation

    Sehr interessant, wenn man den Artikel so liest, denn immerhin kann man sich mühelos einen PC oder eine Laptop und was weiß ich nicht alles leisten, das notwendige Internet über DSL ist aber nicht mehr machbar…

    • avatar KettensägenKarl

      Einen alten Computer, der nur für das Surfen im Internet gebraucht wird, ist in der Regel tatsächlich sehr kostengünstig (oft sogar kostenlos) zu bekommen.
      Durch das schnelle vorranschreiten der Technik, ist Computerhardware schon oft innerhalb weniger Jahre schon drei Meilen hinter dem aktuellen Stand und wird durch neue ersetzt (auch ohne Defekt), der die alte Hardware wird dann für Eurobeträge verkauft, weggeschmissen oder verschenkt. Wenn man sich ein bisschen umhört stellt das kein Problem dar.

      Desweiteren ist ein Internetanschluss ein laufender Kostenfaktor. Selbst wenn ich 100€ für einen gebrauchten Rechner bezahlen sollte, ist dies immernoch günstiger als ein Jahr Internetflatrate. Wenn man von 25€ monatlich ausgeht, macht das aufs Jahr schon 300 (sic) Euro.

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